III, q. 74 a. 5
Ob Wein vom Weinstock die eigentliche Materie dieses Sakramentes ist?
Quaestio 74 · Von der Materie dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass Wein vom Weinstock nicht die eigentliche Materie dieses Sakramentes ist. Denn wie Wasser die Materie der Taufe ist, so ist Wein die Materie dieses Sakramentes. Aber die Taufe kann mit jeder Art von Wasser gespendet werden. Deshalb kann dieses Sakrament in jeder Art von Wein gefeiert werden, wie etwa von Granatäpfeln oder von Maulbeeren; da Weinstöcke in einigen Ländern nicht wachsen.
Einwand 2: Ferner ist Essig eine Art Wein, der aus der Traube gewonnen wird, wie Isidor sagt (Etym. xx). Aber dieses Sakrament kann nicht mit Essig gefeiert werden. Deshalb scheint es, dass Wein aus der Traube nicht die eigentliche Materie dieses Sakramentes ist.
Einwand 3: Ferner, so wie der geklärte Wein aus Trauben gewonnen wird, so auch der Saft unreifer Trauben und Most. Aber es scheint nicht, dass dieses Sakrament daraus gemacht werden darf, gemäß dem, was wir im Sechsten Konzil lesen (Trull., Can. 28): „Wir haben erfahren, dass in einigen Kirchen die Priester Trauben zum Opfer der Oblation hinzufügen; und so teilen sie beides zusammen an das Volk aus. Folglich ordnen wir an, dass kein Priester dies in Zukunft tun soll.“ Und Papst Julius I. tadelt einige Priester, „die aus der Traube gepressten Wein im Sakrament des Kelches des Herrn opfern.“ Folglich scheint es, dass Wein aus der Traube nicht die eigentliche Materie dieses Sakramentes ist.
Dagegen spricht, dass unser Herr sich selbst mit dem Weizenkorn verglich, so verglich Er sich auch mit dem Weinstock, indem Er sagte (Joh 15,1): „Ich bin der wahre Weinstock.“ Aber nur Brot aus Weizen ist die Materie dieses Sakramentes, wie oben gesagt wurde (Artikel [3]). Deshalb ist nur Wein aus der Traube die eigentliche Materie dieses Sakramentes.
Ich antworte darauf, dass dieses Sakrament nur mit Wein aus der Traube vollzogen werden kann. Erstens wegen der Einsetzung Christi, da Er dieses Sakrament in Wein aus der Traube einsetzte, wie aus Seinen eigenen Worten bei der Einsetzung dieses Sakramentes ersichtlich ist (Mt 26,29): „Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken.“ Zweitens, weil, wie oben gesagt wurde (Artikel [3]), das als Materie der Sakramente angenommen wird, was eigentlich und allgemein als solches betrachtet wird. Nun wird das eigentlich Wein genannt, was aus der Traube gewonnen wird, wohingegen andere Flüssigkeiten Wein genannt werden aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Wein der Traube. Drittens, weil der Wein aus der Traube besser zur Wirkung dieses Sakramentes passt, welche geistig ist; weil geschrieben steht (Ps 103,15): „Dass der Wein das Herz des Menschen erfreue.“
Antwort auf Einwand 1: Solche Flüssigkeiten werden Wein genannt, nicht eigentlich, sondern nur aufgrund ihrer Ähnlichkeit dazu. Aber echter Wein kann in solche Länder gebracht werden, in denen der Weinstock nicht gedeiht, in einer für dieses Sakrament ausreichenden Menge.
Antwort auf Einwand 2: Wein wird durch Verderbnis zu Essig; daher gibt es keine Rückkehr vom Essig zum Wein, wie in Metaph. viii gesagt wird. Und folglich, so wie dieses Sakrament nicht aus Brot gemacht werden darf, das völlig verdorben ist, so kann es auch nicht aus Essig gemacht werden. Es kann jedoch aus Wein gemacht werden, der sauer wird, so wie aus Brot, das verdirbt, obwohl derjenige, der dies tut, sündigt, wie oben gesagt wurde (Artikel [3]).
Antwort auf Einwand 3: Der Saft unreifer Trauben befindet sich im Stadium unvollständiger Entstehung, und deshalb hat er noch nicht die Art (Spezies) des Weines: weswegen er nicht für dieses Sakrament verwendet werden darf. Most jedoch hat bereits die Art des Weines, denn seine Süße ["Aut dulcis musti Vulcano decoquit humorem"; Vergil, Georg. i, 295] zeigt die Gärung an, die „das Ergebnis seiner natürlichen Hitze“ ist (Meteor. iv); folglich kann dieses Sakrament aus Most gemacht werden. Dennoch sollten ganze Trauben nicht mit diesem Sakrament vermischt werden, weil dann etwas anderes außer Wein vorhanden wäre. Es ist ferner verboten, Most im Kelch zu opfern, sobald er aus der Traube gepresst wurde, da dies wegen der Unreinheit des Mostes unziemlich ist. Aber im Notfall kann es getan werden: denn es wird von demselben Papst Julius in der im Argument zitierten Stelle gesagt: „Wenn nötig, soll die Traube in den Kelch gepresst werden.“