III, q. 74 a. 1
Ob die Materie dieses Sakramentes Brot und Wein ist?
Quaestio 74 · Von der Materie dieses Sakraments
Einwand 1: Es scheint, dass die Materie dieses Sakramentes nicht Brot und Wein ist. Denn dieses Sakrament soll das Leiden Christi vollständiger darstellen als die Sakramente des Alten Gesetzes. Aber das Fleisch von Tieren, welches die Materie der Sakramente unter dem Alten Gesetz war, stellt das Leiden Christi vollständiger dar als Brot und Wein. Deshalb sollte die Materie dieses Sakramentes eher das Fleisch von Tieren sein als Brot und Wein.
Einwand 2: Ferner ist dieses Sakrament an jedem Ort zu feiern. Aber in vielen Ländern ist kein Brot zu finden, und an vielen Orten ist kein Wein zu finden. Deshalb sind Brot und Wein keine geeignete Materie für dieses Sakrament.
Einwand 3: Ferner ist dieses Sakrament sowohl für Gesunde als auch für Schwache bestimmt. Einigen schwachen Personen ist Wein jedoch schädlich. Deshalb scheint es, dass Wein nicht die Materie dieses Sakramentes sein sollte.
Dagegen spricht, dass Papst Alexander I. sagt (Ep. ad omnes orth. i): „Bei den Opfergaben der Sakramente soll nur Brot und mit Wasser vermischter Wein geopfert werden.“
Ich antworte darauf, dass einige in verschiedene Irrtümer bezüglich der Materie dieses Sakramentes gefallen sind. Einige, die Artotyryten genannt werden, opfern, wie Augustinus sagt (De Haeres. xxviii), „in diesem Sakrament Brot und Käse, indem sie behaupten, dass die Opfergaben von den Menschen in den ersten Zeitaltern aus Früchten der Erde und Schafen gefeiert wurden.“ Andere, die Kataphryger und Pepuzianer genannt werden, „sollen ihr eucharistisches Brot mit dem Blut von Säuglingen gemacht haben, das aus winzigen Einstichen über den ganzen Körper entnommen und mit Mehl vermischt wurde.“ Andere, die Aquarier genannt werden, opfern unter dem Vorwand der Nüchternheit nichts als Wasser in diesem Sakrament.
Nun werden alle diese und ähnliche Irrtümer durch die Tatsache ausgeschlossen, dass Christus dieses Sakrament unter den Gestalten von Brot und Wein eingesetzt hat, wie aus Mt 26 ersichtlich ist. Folglich sind Brot und Wein die eigentliche Materie dieses Sakramentes. Und die Angemessenheit dessen zeigt sich erstens im Gebrauch dieses Sakramentes, welcher das Essen ist: Denn wie Wasser im Sakrament der Taufe zum Zwecke der geistigen Reinigung verwendet wird, da die körperliche Reinigung gewöhnlich mit Wasser geschieht, so werden Brot und Wein, womit die Menschen gewöhnlich genährt werden, in diesem Sakrament zum Gebrauch des geistigen Essens verwendet.
Zweitens in Bezug auf das Leiden Christi, in welchem das Blut vom Leib getrennt wurde. Und deshalb wird in diesem Sakrament, welches das Gedächtnis des Leidens unseres Herrn ist, das Brot getrennt als das Sakrament des Leibes empfangen und der Wein als das Sakrament des Blutes.
Drittens hinsichtlich der Wirkung, betrachtet in jedem der Teilnehmenden. Denn wie Ambrosius (Mag. Sent. iv, D, xi) zu 1 Kor 11,20 sagt, nützt dieses Sakrament „zur Verteidigung von Seele und Leib“; und deshalb wird „der Leib Christi“ unter der Gestalt des Brotes „für das Heil des Leibes geopfert, und das Blut“ unter der Gestalt des Weines „für das Heil der Seele“, gemäß Lev 17,14: „Das Leben des Tieres [Vulg.: ‚alles Fleisches‘] ist im Blut.“
Viertens hinsichtlich der Wirkung in Bezug auf die ganze Kirche, die aus vielen Gläubigen besteht, so wie „Brot aus vielen Körnern zusammengesetzt ist und Wein aus vielen Trauben fließt“, wie die Glosse zu 1 Kor 10,17 bemerkt: „Ein Leib sind wir, die wir viele sind“, usw.
Antwort auf Einwand 1: Obwohl das Fleisch geschlachteter Tiere das Leiden eindringlicher darstellt, ist es dennoch weniger geeignet für den allgemeinen Gebrauch dieses Sakramentes und um die Einheit der Kirche zu bezeichnen.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl Weizen und Wein nicht in jedem Land erzeugt werden, können sie doch leicht in jedes Land gebracht werden, das heißt, so viel wie für den Gebrauch dieses Sakramentes nötig ist: Zugleich darf das eine nicht konsekriert werden, wenn das andere fehlt, weil es kein vollständiges Sakrament wäre.
Antwort auf Einwand 3: Wein, in kleiner Menge genossen, kann den Kranken nicht viel schaden: Wenn jedoch Furcht vor Schaden besteht, ist es nicht notwendig, dass alle, die den Leib Christi empfangen, auch an seinem Blut teilhaben, wie später dargelegt wird (Quaestio [80], Artikel [12]).