III, q. 52 a. 3
War der ganze Christus in der Hölle?
Quaestio 52 · Vom Abstieg Christi in die Hölle
Einwand 1: Es scheint, dass der ganze Christus nicht in der Hölle war. Denn der Leib Christi ist einer seiner Teile. Aber sein Leib war nicht in der Hölle. Daher war der ganze Christus nicht in der Hölle.
Einwand 2: Ferner kann nichts als ganz bezeichnet werden, wenn seine Teile getrennt sind. Aber Seele und Leib, welche die Teile der menschlichen Natur sind, waren bei seinem Tod getrennt, wie oben dargelegt (Frage [50], Artikel [3], 4), und es war nach dem Tod, dass Er in die Hölle hinabstieg. Daher konnte das Ganze (Christus) nicht in der Hölle sein.
Einwand 3: Ferner sagt man, das Ganze eines Dinges sei an einem Ort, wenn kein Teil von ihm außerhalb dieses Ortes ist. Aber es gab Teile Christi außerhalb der Hölle; zum Beispiel war sein Leib im Grab und seine Gottheit überall. Daher war der ganze Christus nicht in der Hölle.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Symbolo iii): „Der ganze Sohn ist beim Vater, der ganze Sohn im Himmel, auf Erden, im Schoß der Jungfrau, am Kreuz, in der Hölle, im Paradies, in das Er den Räuber brachte.“
Ich antworte darauf, Es ist offensichtlich aus dem, was im ersten Teil gesagt wurde (Frage [31], Artikel [2], ad 4), dass das männliche Geschlecht sich auf die Hypostase oder Person bezieht, während das sächliche zur Natur gehört. Nun wurde im Tod Christi zwar die Seele vom Leib getrennt, doch wurde keines von beiden von der Person des Sohnes Gottes getrennt, wie oben dargelegt (Frage [50], Artikel [2]). Folglich muss bekräftigt werden, dass während der drei Tage des Todes Christi der ganze Christus im Grab war, weil die ganze Person durch den mit Ihm vereinten Leib dort war, und ebenso war Er gänzlich in der Hölle, weil die ganze Person Christi aufgrund der mit Ihm vereinten Seele dort war, und der ganze Christus war dann überall aufgrund der göttlichen Natur.
Antwort auf Einwand 1: Der Leib, der damals im Grab war, ist kein Teil der unerschaffenen Person, sondern der angenommenen Natur. Folglich hindert die Tatsache, dass Christi Leib nicht in der Hölle war, nicht, dass der ganze Christus dort war: sondern beweist, dass nicht alles, was zur menschlichen Natur gehört, dort war.
Antwort auf Einwand 2: Die ganze menschliche Natur besteht aus der vereinten Seele und dem Leib; nicht so die göttliche Person. Folglich, als der Tod die Vereinigung der Seele mit dem Leib trennte, blieb der ganze Christus, aber seine ganze menschliche Natur blieb nicht.
Antwort auf Einwand 3: Die Person Christi ist ganz an jedem einzelnen Ort, aber nicht gänzlich (umschrieben), weil sie nicht durch irgendeinen Ort begrenzt wird: in der Tat könnten alle Orte zusammengenommen seine Unermesslichkeit nicht fassen; vielmehr ist es seine Unermesslichkeit, die alle Dinge umfasst. Aber es geschieht bei jenen Dingen, die körperlich und umschrieben an einem Ort sind, dass, wenn ein Ganzes an einem Ort ist, dann kein Teil von ihm außerhalb dieses Ortes ist. Aber dies ist bei Gott nicht der Fall. Daher sagt Augustinus (De Symbolo iii): „Nicht gemäß Zeiten oder Orten sagen wir, dass der ganze Christus überall ist, als ob Er zu einer Zeit ganz an einem Ort wäre, zu einer anderen Zeit ganz an einem anderen: sondern als immer und überall ganz seiend.“