III, q. 52 a. 4
Verweilte Christus in der Hölle?
Quaestio 52 · Vom Abstieg Christi in die Hölle
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht in der Hölle verweilte. Denn Christus stieg in die Hölle hinab, um die Menschen von dort zu befreien. Aber Er vollbrachte diese Befreiung sofort bei seinem Abstieg, denn gemäß Sir 11,23: „Es ist ein Leichtes in den Augen Gottes, den Armen plötzlich reich zu machen.“ Folglich scheint Er nicht in der Hölle verweilt zu haben.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus in einer Predigt über das Leiden (clx), dass „plötzlich auf Geheiß unseres Herrn und Erlösers alle ‚eisernen Riegel zerbarsten‘“ (vgl. Jes 45,2). Daher steht im Namen der Engel, die Christus begleiten, geschrieben (Ps 23,7.9): „Hebt eure Tore, ihr Fürsten.“ Nun stieg Christus dorthin hinab, um die Riegel der Hölle zu zerbrechen. Daher verweilte Er nicht in der Hölle.
Einwand 3: Ferner wird berichtet (Lk 23,43), dass unser Herr, während Er am Kreuz hing, zum Dieb sagte: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“: woraus ersichtlich ist, dass Christus an eben diesem Tag im Paradies war. Aber Er war nicht mit seinem Leib dort, denn der war im Grab. Daher war Er dort mit der Seele, die in die Hölle hinabgestiegen war: und folglich scheint es, dass Er nicht in der Hölle verweilte.
Dagegen spricht, dass Petrus sagt (Apg 2,24): „Den Gott auferweckt hat, indem er die Wehen der Hölle löste, da es unmöglich war, dass Er von ihr festgehalten wurde.“ Daher scheint es, dass Er bis zur Stunde der Auferstehung in der Hölle blieb.
Ich antworte darauf, Wie Christus, um unsere Strafen auf sich zu nehmen, wollte, dass sein Leib in das Grab gelegt werde, so wollte Er ebenso, dass seine Seele in die Hölle hinabsteige. Aber der Leib lag einen Tag und zwei Nächte im Grab, um die Wahrheit seines Todes zu beweisen. Folglich ist zu glauben, dass seine Seele in der Hölle war, damit sie gleichzeitig mit seinem Leib aus dem Grab aus der Hölle zurückgebracht werde.
Antwort auf Einwand 1: Als Christus in die Hölle hinabstieg, befreite Er die Heiligen, die dort waren, nicht indem Er sie sofort aus den Grenzen der Hölle herausführte, sondern indem Er sie mit dem Licht der Herrlichkeit in der Hölle selbst erleuchtete. Dennoch war es angemessen, dass seine Seele so lange in der Hölle verblieb, wie sein Leib im Grab blieb.
Antwort auf Einwand 2: Unter dem Ausdruck „Riegel der Hölle“ werden die Hindernisse verstanden, welche die heiligen Väter durch die Schuld der Sünde unseres ersten Elternpaares davon abhielten, die Hölle zu verlassen; und diese Riegel zerbrach Christus durch die Kraft seines Leidens beim Abstieg in die Hölle: dennoch wählte Er es, für einige Zeit in der Hölle zu bleiben, aus dem oben genannten Grund.
Antwort auf Einwand 3: Der Ausdruck unseres Herrn ist nicht vom irdischen körperlichen Paradies zu verstehen, sondern von einem geistigen, in dem alle sein sollen, die die göttliche Herrlichkeit genießen. Dementsprechend stieg der Dieb örtlich mit Christus in die Hölle hinab, weil zu ihm gesagt wurde: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“; dennoch war er bezüglich des Lohnes im Paradies, weil er die Gottheit Christi genoss, genau wie die anderen Heiligen.