III, q. 39 a. 5
Hätten sich die Himmel bei der Taufe Christi öffnen sollen?
Quaestio 39 · Von der Taufe Christi
Einwand 1: Es scheint, dass sich die Himmel bei der Taufe Christi nicht hätten öffnen sollen. Denn die Himmel sollten sich für jemanden öffnen, der in den Himmel eintreten muss, weil er außerhalb des Himmels ist. Aber Christus war immer im Himmel, gemäß Joh 3,13: „Der Menschensohn, der im Himmel ist.“ Daher scheint es, dass sich die Himmel Ihm nicht hätten öffnen sollen.
Einwand 2: Ferner wird das Öffnen der Himmel entweder in einem körperlichen oder in einem geistigen Sinn verstanden. Aber es kann nicht in einem körperlichen Sinn verstanden werden: weil die Himmelskörper leidensunfähig und unauflöslich sind, gemäß Ijob 37,18: „Hast du vielleicht mit Ihm die Himmel ausgebreitet, die fest sind wie aus gegossenem Erz?“ Ebenso kann es auch nicht in einem geistigen Sinn verstanden werden, weil die Himmel den Augen des Sohnes Gottes nicht zuvor verschlossen waren. Daher scheint es unpassend zu sagen, dass, als Christus getauft wurde, „die Himmel geöffnet wurden“.
Einwand 3: Ferner wurde der Himmel den Gläubigen durch das Leiden Christi geöffnet, gemäß Hebr 10,19: „Da wir nun Zuversicht haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Christi.“ Weshalb nicht einmal jene, die mit der Taufe Christi getauft wurden und vor Seinem Leiden starben, in den Himmel eintreten konnten. Daher hätten sich die Himmel eher öffnen sollen, als Christus litt, als zu der Zeit, da Er getauft wurde.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Lk 3,21): „Als Jesus getauft war und betete, öffnete sich der Himmel.“
Ich antworte darauf, wie oben gesagt (Artikel [1]; Quaestio [38], Artikel [1]), wollte Christus getauft werden, um die Taufe zu weihen, mit der wir getauft werden sollten. Und deshalb geziemte es sich, jene Dinge zu zeigen, die zur Wirksamkeit unserer Taufe gehören: bezüglich welcher Wirksamkeit drei Punkte zu betrachten sind. Erstens die hauptsächliche Kraft, von der sie abgeleitet ist; und diese ist in der Tat eine himmlische Kraft. Aus diesem Grund öffnete sich der Himmel, als Christus getauft wurde, um zu zeigen, dass in Zukunft die himmlische Kraft die Taufe heiligen würde.
Zweitens trägt der Glaube der Kirche und der getauften Person zur Wirksamkeit der Taufe bei: weshalb jene, die getauft werden, ein Glaubensbekenntnis ablegen, und die Taufe das „Sakrament des Glaubens“ genannt wird. Nun schauen wir durch den Glauben auf himmlische Dinge, die die Sinne und die menschliche Vernunft übersteigen. Und um dies zu bezeichnen, wurden die Himmel geöffnet, als Christus getauft wurde.
Drittens, weil der Eingang zum himmlischen Königreich uns durch die Taufe Christi in besonderer Weise geöffnet wurde, welcher Eingang dem ersten Menschen durch die Sünde verschlossen worden war. Daher wurden, als Christus getauft wurde, die Himmel geöffnet, um zu zeigen, dass der Weg zum Himmel für die Getauften offen ist.
Nun muss der Mensch nach der Taufe beständig beten, um in den Himmel einzutreten: denn obwohl die Sünden durch die Taufe vergeben sind, bleibt doch der Zunder der Sünde, der uns von innen angreift, und die Welt und die Teufel, die uns von außen angreifen. Und deshalb wird ausdrücklich gesagt (Lk 3,21), dass „als Jesus getauft war und betete, der Himmel geöffnet wurde“: weil nämlich die Gläubigen nach der Taufe des Gebets bedürfen. Oder auch, damit wir verstehen, dass die Tatsache selbst, dass den Gläubigen durch die Taufe der Himmel geöffnet wird, kraft des Gebetes Christi geschieht. Daher wird ausdrücklich gesagt (Mt 3,16), dass „der Himmel Ihm geöffnet wurde“ – das heißt, „allen um Seinetwillen“. So könnte zum Beispiel der Kaiser zu einem sagen, der eine Gunst für einen anderen erbittet: „Siehe, ich gewähre diese Gunst nicht ihm, sondern dir“ – das heißt, „ihm um deinetwillen“, wie Chrysostomus sagt (Hom. iv in Matth. [*Aus dem unechten Opus Imperfectum]).
Antwort auf Einwand 1: Gemäß Chrysostomus (Hom. iv in Matth.; aus dem unechten Opus Imperfectum): Da Christus um des Menschen willen getauft wurde, obwohl Er keiner Taufe um Seiner selbst willen bedurfte, so wurden die Himmel Ihm als Mensch geöffnet, wohingegen Er hinsichtlich Seiner göttlichen Natur immer im Himmel war.
Antwort auf Einwand 2: Wie Hieronymus zu Mt 3,16.17 sagt, wurden die Himmel Christus geöffnet, als Er getauft wurde, nicht durch ein Auseinanderweichen der Elemente, sondern durch eine geistige Schau: so berichtet Ezechiel von der Öffnung der Himmel am Anfang seines Buches. Und Chrysostomus beweist dies (Hom. iv in Matth.; aus dem unechten Opus Imperfectum), indem er sagt: „Wenn die Kreatur“ – nämlich der Himmel – „geteilt worden wäre, hätte er nicht gesagt: ‚wurden Ihm geöffnet‘, da das, was im körperlichen Sinne geöffnet wird, für alle offen ist.“ Daher wird ausdrücklich gesagt (Mk 1,10), dass Jesus, „als er sogleich aus dem Wasser heraufstieg, die Himmel offen sah“; als ob das Öffnen der Himmel als von Christus gesehen betrachtet werden sollte. Einige beziehen dies in der Tat auf die körperliche Schau und sagen, dass ein so strahlendes Licht um Christus schien, als Er getauft wurde, dass die Himmel geöffnet zu sein schienen. Es kann auch auf die imaginäre Schau bezogen werden, auf welche Weise Ezechiel die Himmel offen sah: da eine solche Vision in der Einbildungskraft Christi durch die göttliche Macht und durch Seinen vernünftigen Willen gebildet wurde, um zu bezeichnen, dass der Eingang zum Himmel den Menschen durch die Taufe geöffnet wird. Schließlich kann es auf die intellektuelle Schau bezogen werden: insofern Christus, als Er die Taufe geheiligt hatte, sah, dass der Himmel den Menschen geöffnet war: dennoch hatte Er schon zuvor gesehen, dass dies geschehen würde.
Antwort auf Einwand 3: Das Leiden Christi ist die allgemeine Ursache für die Öffnung des Himmels für die Menschen. Aber es geziemt sich, dass diese Ursache auf jeden einzelnen angewandt wird, damit er in den Himmel eintrete. Und dies wird durch die Taufe bewirkt, gemäß Röm 6,3: „Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, sind auf seinen Tod getauft.“ Daher wird die Öffnung der Himmel eher bei Seiner Taufe als bei Seinem Leiden erwähnt.
Oder, wie Chrysostomus sagt (Hom. iv in Matth.; aus dem unechten Opus Imperfectum): „Als Christus getauft wurde, wurden die Himmel bloß geöffnet: aber nachdem Er den Tyrannen durch das Kreuz besiegt hatte, da Tore für einen Himmel nicht mehr nötig waren, der fortan niemals geschlossen sein würde, sagten die Engel nicht ‚öffnet die Tore‘, sondern ‚Nehmt sie weg‘.“ So gibt uns Chrysostomus zu verstehen, dass die Hindernisse, die bisher die Seelen der Verstorbenen am Eintritt in den Himmel gehindert hatten, durch das Leiden gänzlich beseitigt wurden: aber bei der Taufe Christi wurden sie geöffnet, als ob der Weg gezeigt worden wäre, auf dem die Menschen in den Himmel eintreten sollten.