III, q. 36 a. 4
Ob Christus selbst seine Geburt hätte bekannt machen sollen?
Quaestio 36 · Von der Kundmachung des neugeborenen Christus
1. Einwand: Es scheint, dass Christus selbst seine Geburt hätte bekannt machen sollen. Denn „eine direkte Ursache ist immer von größerer Kraft als eine indirekte Ursache“, wie in Phys. viii gesagt wird. Aber Christus machte seine Geburt durch andere bekannt – zum Beispiel den Hirten durch die Engel und den Magiern durch den Stern. Umso mehr also hätte er selbst seine Geburt bekannt machen sollen.
2. Einwand: Ferner steht geschrieben (Sir 20,32): „Verborgene Weisheit und unsichtbarer Schatz; was für ein Nutzen ist in beiden?“ Aber Christus besaß vom Beginn seiner Empfängnis an den Schatz der Weisheit und Gnade in Vollkommenheit. Wenn er also die Fülle dieser Gaben nicht durch Worte und Taten bekannt gemacht hätte, wären ihm Weisheit und Gnade vergeblich gegeben worden. Dies ist aber unvernünftig: denn „Gott und die Natur tun nichts vergeblich“ (De Coelo i).
3. Einwand: Ferner lesen wir im Buch De Infantia Salvatoris, dass Christus in seiner Kindheit viele Wunder wirkte. Es scheint daher, dass er selbst seine Geburt bekannt gemacht hat.
Dagegen spricht: Papst Leo sagt (Serm. xxxiv), dass die Magier das „Kind Jesus in keiner Weise verschieden von der Allgemeinheit menschlicher Kinder“ fanden. Aber andere Kinder machen sich nicht selbst bekannt. Deshalb war es nicht passend, dass Christus selbst seine Geburt bekannt machte.
Ich antworte darauf, dass die Geburt Christi auf das Heil des Menschen hingeordnet war, welches durch den Glauben geschieht. Der rettende Glaube aber bekennt Christi Gottheit und Menschheit. Es ziemte sich daher, dass die Geburt Christi auf eine solche Weise bekannt gemacht wurde, dass der Beweis seiner Gottheit dem Glauben an seine menschliche Natur nicht abträglich sei. Dies geschah aber, während Christus ein Bild menschlicher Schwachheit bot und dennoch durch Gottes Geschöpfe die Macht der Gottheit in sich selbst zeigte. Deshalb machte Christus seine Geburt nicht durch sich selbst, sondern mittels gewisser anderer Geschöpfe bekannt.
Antwort auf den 1. Einwand: Auf dem Weg der Zeugung und Bewegung müssen wir notwendigerweise zum Unvollkommenen kommen, bevor wir zum Vollkommenen gelangen. Und deshalb wurde Christus zuerst durch andere Geschöpfe bekannt gemacht, und danach offenbarte er sich selbst vollkommen.
Antwort auf den 2. Einwand: Obwohl verborgene Weisheit nutzlos ist, besteht doch keine Notwendigkeit für einen Weisen, sich zu jeder Zeit bekannt zu machen, sondern zu einer passenden Zeit; denn es steht geschrieben (Sir 20,6): „Es gibt einen, der schweigt, weil er nicht weiß, was er sagen soll: und es gibt einen anderen, der schweigt, weil er die rechte Zeit kennt.“ Daher war die Christus gegebene Weisheit nicht nutzlos, weil er sich zu einer passenden Zeit offenbarte. Und gerade die Tatsache, dass er zu einer passenden Zeit verborgen war, ist ein Zeichen von Weisheit.
Antwort auf den 3. Einwand: Das Buch De Infantia Salvatoris ist apokryph. Zudem sagt Chrysostomus (Hom. xxi super Joan.), dass Christus vor der Verwandlung von Wasser in Wein keine Wunder wirkte, gemäß Joh 2,11: „Diesen Anfang der Wunder tat Jesus.“ Denn wenn er in frühem Alter Wunder gewirkt hätte, hätte keine Notwendigkeit bestanden, dass jemand anderes ihn den Israeliten offenbarte; wohingegen Johannes der Täufer sagt (Joh 1,31): „Damit er in Israel offenbar werde; darum bin ich gekommen und taufe mit Wasser.“ Zudem war es passend, dass er nicht in frühem Alter anfing, Wunder zu wirken. Denn die Leute hätten die Menschwerdung für unwirklich gehalten und hätten ihn aus reiner Bosheit vor der rechten Zeit gekreuzigt.