III, q. 35 a. 5
Ob es in Christus zwei Kindschaften gibt?
Quaestio 35 · Von der Geburt Christi
1. Einwand: Es scheint, dass es in Christus zwei Kindschaften gibt. Denn die Geburt ist die Ursache der Kindschaft. In Christus aber gibt es zwei Geburten. Daher gibt es in Christus auch zwei Kindschaften.
2. Einwand: Ferner hängt die Kindschaft, die von einem Menschen ausgesagt wird, insofern er der Sohn von jemandem, seinem Vater oder seiner Mutter, ist, in gewisser Weise von diesem ab: weil das eigentliche Sein einer Relation darin besteht, „auf ein anderes bezogen zu sein“; weshalb, wenn eines von zwei Relativen zerstört wird, auch das andere zerstört wird. Aber die ewige Kindschaft, durch die Christus der Sohn Gottes des Vaters ist, hängt nicht von seiner Mutter ab, weil nichts Ewiges von etwas Zeitlichem abhängt. Daher ist Christus nicht durch zeitliche Kindschaft der Sohn seiner Mutter. Entweder ist er also überhaupt nicht ihr Sohn, was im Widerspruch zu dem steht, was oben gesagt wurde (Artikel [3],4), oder er muss notwendigerweise ihr Sohn durch eine andere zeitliche Kindschaft sein. Daher gibt es in Christus zwei Kindschaften.
3. Einwand: Ferner geht eines von zwei Relativen in die Definition des anderen ein; daher ist klar, dass von zwei Relativen eines durch das andere spezifiziert wird. Ein und dasselbe aber kann nicht in verschiedenen Spezies sein. Daher scheint es unmöglich, dass ein und dieselbe Relation auf Extreme bezogen wird, die gänzlich verschieden sind. Christus aber wird Sohn des ewigen Vaters und einer zeitlichen Mutter genannt, welche gänzlich verschiedene Termini sind. Daher scheint es, dass Christus nicht durch dieselbe Relation Sohn des Vaters und seiner Mutter genannt werden kann. Daher gibt es in Christus zwei Kindschaften.
Dagegen spricht, dass, wie Damascenus sagt (De Fide Orth. iii), die Dinge, die zur Natur gehören, in Christus vielfach sind; nicht aber jene Dinge, die zur Person gehören. Die Kindschaft aber gehört besonders zur Person, da sie eine personale Eigenschaft ist, wie aus dem hervorgeht, was in der FP, Frage [32], Artikel [3]; FP, Frage [40], Artikel [2] gesagt wurde. Daher gibt es nur eine Kindschaft in Christus.
Ich antworte darauf, dass die Meinungen zu dieser Frage auseinandergehen. Denn einige, die nur die Ursache der Kindschaft betrachten, welche die Geburt ist, setzen zwei Kindschaften in Christus, so wie es zwei Geburten gibt. Andere hingegen, die nur das Subjekt der Kindschaft betrachten, welches die Person oder Hypostase ist, setzen nur eine Kindschaft in Christus, so wie es nur eine Hypostase oder Person gibt. Denn die Einheit oder Vielheit einer Relation wird nicht hinsichtlich ihrer Termini betrachtet, sondern hinsichtlich ihrer Ursache oder ihres Subjekts. Denn würde sie hinsichtlich ihrer Termini betrachtet, hätte jeder Mensch notwendigerweise zwei Kindschaften in sich – eine in Bezug auf seinen Vater und eine andere in Bezug auf seine Mutter. Wenn wir aber die Frage richtig betrachten, werden wir sehen, dass jeder Mensch nur eine Relation sowohl zu seinem Vater als auch zu seiner Mutter trägt, aufgrund der Einheit der Ursache derselben. Denn der Mensch wird durch eine Geburt von Vater und Mutter geboren: weshalb er nur eine Relation zu beiden trägt. Dasselbe gilt von einem Lehrer, der viele Schüler dieselbe Lehre lehrt, und von einem Herrn, der viele Untertanen durch dieselbe Macht regiert. Wenn es aber verschiedene, spezifisch diverse Ursachen gibt, scheint es, dass folglich die Relationen in der Spezies verschieden sind: weshalb nichts hindert, dass mehrere solcher Relationen im selben Subjekt sind. So ist, wenn ein Mann einige Grammatik und andere Logik lehrt, sein Lehren im einen und im anderen Fall von verschiedener Art; und daher kann ein und derselbe Mann verschiedene Relationen als Lehrer verschiedener Schüler oder derselben Schüler in Bezug auf verschiedene Lehren haben. Manchmal geschieht es jedoch, dass ein Mann eine Relation zu mehreren hinsichtlich verschiedener Ursachen trägt, die aber von derselben Spezies sind: so kann ein Vater mehrere Söhne durch mehrere Zeugungsakte haben. Weshalb die Vaterschaft nicht spezifisch verschieden sein kann, da die Zeugungsakte spezifisch dieselben sind. Und weil mehrere Formen derselben Spezies nicht gleichzeitig im selben Subjekt sein können, ist es unmöglich, dass mehrere Vaterschaften in einem Mann sind, der der Vater mehrerer Söhne durch natürliche Zeugung ist. Aber es wäre nicht so, wenn er der Vater eines Sohnes durch natürliche Zeugung und eines anderen durch Adoption wäre.
Nun ist es offensichtlich, dass Christus nicht durch ein und dieselbe Geburt aus dem Vater von Ewigkeit her und aus seiner Mutter in der Zeit geboren wurde: tatsächlich unterscheiden sich diese zwei Geburten spezifisch. Weshalb wir diesbezüglich sagen müssen, dass es verschiedene Kindschaften gibt, eine zeitliche und die andere ewige. Da jedoch das Subjekt der Kindschaft weder die Natur noch ein Teil der Natur ist, sondern allein die Person oder Hypostase; und da es in Christus keine andere Hypostase oder Person gibt als die ewige, kann es keine andere Kindschaft in Christus geben als jene, die in der ewigen Hypostase ist. Nun setzt jede Relation, die von Gott aus der Zeit ausgesagt wird, nichts Reales in dem ewigen Gott, sondern nur etwas gemäß unserer Denkweise, wie wir in der FP, Frage [13], Artikel [7] gesagt haben. Daher kann die Kindschaft, durch die Christus auf seine Mutter bezogen wird, keine Realrelation sein, sondern nur eine gedankliche Beziehung (relatio rationis).
Folglich ist jede Meinung bis zu einem gewissen Grad wahr. Denn wenn wir die adäquaten Ursachen der Kindschaft betrachten, müssen wir notwendigerweise sagen, dass es zwei Kindschaften hinsichtlich der zweifachen Geburt gibt. Wenn wir aber das Subjekt der Kindschaft betrachten, welches nur das ewige Suppositum sein kann, dann ist keine andere als die ewige Kindschaft in Christus eine Realrelation. Dennoch hat er die Relation des Sohnes in Bezug auf seine Mutter, weil sie in der Relation der Mutterschaft zu Christus impliziert ist. So wird Gott Herr genannt durch eine Relation, die in der Realrelation impliziert ist, durch welche das Geschöpf Gott unterworfen ist. Und obwohl Herrschaft keine Realrelation in Gott ist, ist er doch real Herr durch die reale Unterwerfung des Geschöpfes unter ihn. In gleicher Weise ist Christus real der Sohn der jungfräulichen Mutter durch die Realrelation ihrer Mutterschaft zu Christus.
Antwort auf den 1. Einwand: Die zeitliche Geburt würde eine reale zeitliche Kindschaft in Christus verursachen, wenn es in ihm ein Subjekt gäbe, das einer solchen Kindschaft fähig wäre. Dies aber kann nicht sein; da das ewige Suppositum nicht empfänglich für eine zeitliche Relation sein kann, wie oben gesagt. Noch kann gesagt werden, dass es empfänglich für zeitliche Kindschaft aufgrund der menschlichen Natur sei, so wie es empfänglich für die zeitliche Geburt ist; weil die menschliche Natur in irgendeiner Weise das Subjekt der Kindschaft sein müsste, so wie sie in gewisser Weise das Subjekt der Geburt ist; denn da ein Äthiopier weiß genannt wird aufgrund seiner Zähne, muss es sein, dass seine Zähne das Subjekt der Weiße sind. Aber die menschliche Natur kann in keiner Weise das Subjekt der Kindschaft sein, weil diese Relation direkt die Person betrifft.
Antwort auf den 2. Einwand: Die ewige Kindschaft hängt nicht von einer zeitlichen Mutter ab, aber zusammen mit dieser ewigen Kindschaft verstehen wir eine gewisse zeitliche Relation, die von der Mutter abhängt, hinsichtlich welcher Relation Christus der Sohn seiner Mutter genannt wird.
Antwort auf den 3. Einwand: Eines und Seiendes folgen wechselseitig aufeinander, wie in Metaph. iv gesagt wird. Daher geschieht es, so wie in einem der Extreme einer Relation etwas Reales ist, während im anderen nicht etwas Reales ist, sondern bloß ein gewisser Aspekt, wie der Philosoph bezüglich des Wissens und des Gewussten bemerkt; so geschieht es auch, dass auf Seiten des einen Extrems eine Relation ist, während auf Seiten des anderen viele sind. So gibt es im Menschen auf Seiten seiner Eltern eine zweifache Relation, die eine der Vaterschaft, die andere der Mutterschaft, die spezifisch verschieden sind, insofern der Vater auf eine Weise Prinzip der Zeugung ist und die Mutter auf eine andere (während wenn viele zusammen Prinzip einer Handlung wären und auf dieselbe Weise – zum Beispiel, wenn viele zusammen ein Schiff ziehen – in allen eine und dieselbe Relation wäre); aber auf Seiten des Kindes gibt es in der Realität nur eine Kindschaft, obwohl es dem Aspekt nach zwei gibt, entsprechend den zwei Relationen in den Eltern, wie sie vom Intellekt betrachtet werden. Und so gibt es auf eine Weise nur eine reale Kindschaft in Christus, welche in Bezug auf den ewigen Vater ist: doch gibt es eine andere zeitliche Relation in Bezug auf seine zeitliche Mutter.