III, q. 35 a. 1
Ob die Geburt eher die Natur als die Person betrifft?
Quaestio 35 · Von der Geburt Christi
1. Einwand: Es scheint, dass die Geburt eher die Natur als die Person betrifft. Denn Augustinus [*Fulgentius] sagt (De Fide ad Petrum): „Die ewige göttliche Natur konnte nicht aus der menschlichen Natur empfangen und geboren werden, außer in einer wahren menschlichen Natur.“ Folglich kommt es der göttlichen Natur zu, aufgrund der menschlichen Natur empfangen und geboren zu werden. Umso mehr betrifft dies also die menschliche Natur selbst.
2. Einwand: Ferner wird nach dem Philosophen (Metaph. v) die „Natur“ von der „Geburt“ (nativitas) benannt. Die Dinge aber werden voneinander benannt aufgrund einer Ähnlichkeit. Daher scheint es, dass die Geburt eher die Natur als die Person betrifft.
3. Einwand: Ferner wird eigentlich das geboren, was durch die Geburt zu existieren beginnt. Die Person Christi aber begann nicht durch seine Geburt zu existieren, wohl aber seine menschliche Natur. Daher scheint es, dass die Geburt eigentlich die Natur betrifft und nicht die Person.
Dagegen spricht, dass Damascenus sagt (De Fide Orth. iii): „Die Geburt betrifft die Hypostase, nicht die Natur.“
Ich antworte darauf, dass die Geburt jemandem auf zweifache Weise zugeschrieben werden kann: erstens hinsichtlich ihres Subjekts; zweitens hinsichtlich ihres Terminus. Demjenigen, der geboren wird, wird sie als Subjekt zugeschrieben: und dies ist eigentlich die Hypostase, nicht die Natur. Denn da geboren werden bedeutet, gezeugt zu werden, und ein Ding gezeugt wird, damit es sei, so wird ein Ding geboren, damit es sei. Das Sein aber kommt eigentlich dem zu, was subsistiert; denn von einer Form, die nicht subsistiert, sagt man nur, dass sie ist, insofern durch sie etwas ist. Während nun Person oder Hypostase etwas als subsistierend bezeichnet, bezeichnet Natur die Form, durch welche etwas subsistiert. Folglich wird die Geburt der Person oder Hypostase als dem eigentlichen Subjekt des Geborenwerdens zugeschrieben, nicht aber der Natur.
Der Natur aber wird die Geburt als ihrem Terminus zugeschrieben. Denn der Terminus der Zeugung und jeder Geburt ist die Form. Die Natur nun bezeichnet etwas als Form: weshalb die Geburt „der Weg zur Natur“ genannt wird, wie der Philosoph feststellt (Phys. ii): denn der Zweck der Natur endet in der Form oder Natur der Spezies.
Antwort auf den 1. Einwand: Aufgrund der Identität von Natur und Hypostase in Gott wird die Natur manchmal anstelle der Person oder Hypostase gesetzt. Und in diesem Sinne sagt Augustinus, dass die göttliche Natur empfangen und geboren wurde, insofern die Person des Sohnes in der menschlichen Natur empfangen und geboren wurde.
Antwort auf den 2. Einwand: Keine Bewegung oder Veränderung wird nach dem bewegten Subjekt benannt, sondern nach dem Terminus der Bewegung, woher das Subjekt seine Spezies hat. Aus diesem Grund wird die Geburt nicht nach der geborenen Person benannt, sondern nach der Natur, welche der Terminus der Geburt ist.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Natur beginnt eigentlich nicht zu existieren: vielmehr ist es die Person, die in einer bestimmten Natur zu existieren beginnt. Denn wie oben gesagt, bezeichnet Natur das, wodurch etwas ist; Person hingegen bezeichnet etwas, das subsistierendes Sein hat.