III, q. 31 a. 1
Ob das Fleisch Christi von Adam abstammte?
Quaestio 31 · Von der Materie, aus der der Leib des Erlösers empfangen wurde.
Einwand 1: Es scheint, dass das Fleisch Christi nicht von Adam abstammte. Denn der Apostel sagt (1 Kor 15,47): "Der erste Mensch ist von der Erde, irdisch; der zweite Mensch vom Himmel, himmlisch." Nun ist der erste Mensch Adam, der zweite Christus. Also stammt Christus nicht von Adam ab, sondern hat einen von ihm verschiedenen Ursprung.
Einwand 2: Ferner sollte die Empfängnis Christi höchst wunderbar sein. Es ist aber ein größeres Wunder, den menschlichen Körper aus dem Schlamm der Erde zu bilden als aus menschlicher Materie, die von Adam stammt. Es scheint daher unpassend, dass Christus Fleisch von Adam annahm. Also hätte der Leib Christi nicht aus der von Adam stammenden Masse des Menschengeschlechts gebildet werden sollen, sondern aus einer anderen Materie.
Einwand 3: Ferner ist "durch einen Menschen die Sünde in diese Welt gekommen", d.h. durch Adam, weil in ihm alle Völker ursprünglich gesündigt haben, wie aus Röm 5,12 hervorgeht. Wenn aber der Leib Christi von Adam abstammte, wäre er ursprünglich in Adam gewesen, als dieser sündigte: Er hätte also die Erbsünde zugezogen; was seiner Reinheit nicht ziemt. Also wurde der Leib Christi nicht aus Materie gebildet, die von Adam stammt.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Hebr 2,16): "Nirgends nimmt er sich" – d.h. der Sohn Gottes – "der Engel an, sondern des Samens Abrahams nimmt er sich an." Der Samen Abrahams aber stammte von Adam ab. Also wurde der Leib Christi aus Materie gebildet, die von Adam stammt.
Ich antworte darauf, dass Christus die menschliche Natur annahm, um sie von der Verderbnis zu reinigen. Die menschliche Natur bedurfte aber der Reinigung nur insoweit, als sie in ihrem befleckten Ursprung, durch den sie von Adam abstammte, beschmutzt war. Daher war es angemessen, dass er Fleisch aus der von Adam stammenden Materie annahm, damit die Natur selbst durch die Annahme geheilt würde.
Antwort auf Einwand 1: Der zweite Mensch, d.h. Christus, wird als vom Himmel stammend bezeichnet, zwar nicht hinsichtlich der Materie, aus der sein Leib gebildet wurde, sondern entweder hinsichtlich der Kraft, durch die er gebildet wurde, oder sogar hinsichtlich seiner Gottheit selbst. Was aber die Materie betrifft, so war der Leib Christi irdisch, wie der Leib Adams.
Antwort auf Einwand 2: Wie oben dargelegt (Quaestio 29, Artikel 1, ad 2), ist das Geheimnis der Menschwerdung Christi wunderbar, nicht als dazu bestimmt, den Glauben zu stärken, sondern als ein Glaubensartikel. Und deshalb suchen wir im Geheimnis der Menschwerdung nicht das, was am wunderbarsten ist, wie bei jenen Wundern, die zur Bestätigung des Glaubens gewirkt werden, sondern was der göttlichen Weisheit am angemessensten und für das Heil des Menschen am dienlichsten ist, da wir dies in allen Glaubensdingen suchen.
Man kann auch sagen, dass im Geheimnis der Menschwerdung das Wunder nicht nur in Bezug auf die Materie der Empfängnis liegt, sondern vielmehr in Bezug auf die Art und Weise der Empfängnis und Geburt; insofern eine Jungfrau empfing und Gott gebar.
Antwort auf Einwand 3: Wie oben dargelegt (Quaestio 15, Artikel 1, ad 2), war der Leib Christi in Adam hinsichtlich der körperlichen Substanz – das heißt, dass die körperliche Materie des Leibes Christi von Adam abstammte: aber er war nicht dort aufgrund der Samenkraft, weil er nicht aus dem Samen des Mannes empfangen wurde. So zog er sich nicht die Erbsünde zu wie andere, die durch den Samen des Mannes von Adam abstammen.