Suppl., q. 98 a. 5
Ob die Verdammten Gott hassen?
Quaestio 98 · Vom Willen und Verstand der Verdammten
Einwand 1: Es scheint, dass die Verdammten Gott nicht hassen. Denn gemäß Dionysius (Div. Nom. iv) „wird das Schöne und Gute, das die Ursache aller Güte und Schönheit ist, von allen geliebt.“ Dies aber ist Gott. Daher kann Gott nicht Gegenstand von jemandes Hass sein.
Einwand 2: Ferner kann niemand die Güte selbst hassen, wie man auch nicht die Schlechtigkeit selbst wollen kann, da „das Böse gänzlich unfreiwillig ist“, wie Dionysius versichert (Div. Nom. iv). Nun ist Gott die Güte selbst. Daher kann Ihn niemand hassen.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Ps 73,23): „Der Hochmut derer, die Dich hassen, steigt beständig auf.“
Ich antworte darauf, dass das Begehren durch das erfasste Gute oder Böse bewegt wird. Nun wird Gott auf zweifache Weise erfasst, nämlich in Sich selbst, wie von den Seligen, die Ihn in Seinem Wesen sehen; und in Seinen Wirkungen, wie von uns und von den Verdammten. Da Er also durch Sein Wesen Güte ist, kann Er in Sich selbst keinem Willen missfallen; weshalb jeder, der Ihn in Seinem Wesen sieht, Ihn nicht hassen kann. Andererseits missfallen einige Seiner Wirkungen dem Willen, insofern sie jemandem entgegengesetzt sind: und dementsprechend kann eine Person Gott hassen, nicht in Sich selbst, sondern aufgrund Seiner Wirkungen. Daher hassen die Verdammten, die Gott in seiner Strafe wahrnehmen, welche die Wirkung Seiner Gerechtigkeit ist, Ihn, so wie sie die ihnen auferlegte Strafe hassen [*Vgl. Frage [90], Artikel [3], ad 2; SS, Frage [34], Artikel [1]].
Antwort auf Einwand 1: Der Ausspruch des Dionysius bezieht sich auf das natürliche Begehren, und selbst dieses wird in den Verdammten verkehrt durch das, was durch ihren überlegten Willen hinzugefügt wird, wie oben gesagt wurde (Artikel [1]) [*Vgl. SS, Frage [34], Artikel [1], ad 1, wo der hl. Thomas eine andere Antwort gibt].
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument würde beweisen, wenn die Verdammten Gott in Sich selbst sähen, als in Seinem Wesen seiend.