Suppl., q. 98 a. 4
Ob die Verdammten in der Hölle wünschen würden, dass andere verdammt wären, die nicht verdammt sind?
Quaestio 98 · Vom Willen und Verstand der Verdammten
Einwand 1: Es scheint, dass die Verdammten in der Hölle nicht wünschen würden, dass andere verdammt wären, die nicht verdammt sind. Denn es wird (Lk 16,27.28) von dem reichen Mann gesagt, dass er für seine Brüder bat, damit sie nicht „an den Ort der Qualen“ kämen. Daher würden in gleicher Weise die anderen Verdammten nicht wünschen, dass zumindest ihre Freunde im Fleische in der Hölle verdammt würden.
Einwand 2: Ferner sind die Verdammten nicht ihrer ungeordneten Neigungen beraubt. Nun liebten einige der Verdammten auf ungeordnete Weise manche, die nicht verdammt sind. Daher würden sie nicht deren Übel begehren, d.h. dass sie verdammt würden.
Einwand 3: Ferner begehren die Verdammten nicht die Zunahme ihrer Strafe. Wenn nun mehr verdammt würden, wäre ihre Strafe größer, so wie die Freude der Seligen durch eine Zunahme ihrer Zahl vermehrt wird. Daher begehren die Verdammten nicht die Verdammnis derer, die gerettet sind.
Dagegen spricht eine Glosse zu Jes 14,9, „sind von ihren Thronen aufgestanden“, die sagt: „Die Bösen werden getröstet, indem sie viele Gefährten in ihrer Strafe haben.“
Ferner herrscht der Neid in den Verdammten am höchsten. Daher grämen sie sich über das Glück der Seligen und begehren deren Verdammnis.
Ich antworte darauf, dass ebenso wie in den Seligen im Himmel die vollkommenste Nächstenliebe sein wird, so in den Verdammten der vollkommenste Hass sein wird. Weshalb wie die Heiligen sich über alle Güter freuen werden, so die Verdammten sich über alle Güter grämen werden. Folglich wird der Anblick des Glücks der Heiligen ihnen sehr großen Schmerz bereiten; daher steht geschrieben (Jes 26,11): „Lass das neidische Volk sehen und zuschanden werden, und lass Feuer Deine Feinde verzehren.“ Daher werden sie wünschen, dass alle Guten verdammt wären.
Antwort auf Einwand 1: So groß wird der Neid der Verdammten sein, dass sie sogar die Herrlichkeit ihrer Verwandten beneiden werden, da sie selbst im höchsten Maße unglücklich sind, denn dies geschieht sogar in diesem Leben, wenn der Neid zunimmt. Dennoch werden sie ihre Verwandten weniger beneiden als andere, und ihre Strafe wäre größer, wenn alle ihre Verwandten verdammt und andere gerettet wären, als wenn einige ihrer Verwandten gerettet wären. Aus diesem Grund bat der reiche Mann, dass seine Brüder vor der Verdammnis bewahrt blieben: denn er wusste, dass einige davor bewahrt werden. Doch wäre es ihm lieber, dass seine Brüder ebenso wie alle Übrigen verdammt wären.
Antwort auf Einwand 2: Liebe, die nicht auf Tugend gründet, wird leicht zunichte, besonders bei bösen Menschen, wie der Philosoph sagt (Ethic. ix, 4). Daher werden die Verdammten ihre Freundschaft für jene, die sie ungeordnet liebten, nicht bewahren. Doch wird ihr Wille verkehrt bleiben, weil sie weiterhin die Ursache ihres ungeordneten Liebens lieben werden.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl eine Zunahme der Zahl der Verdammten zu einer Zunahme der Strafe eines jeden führt, so werden doch ihr Hass und Neid umso mehr zunehmen, dass sie es vorziehen werden, mit vielen mehr gequält zu werden, als allein weniger gequält zu werden.