Suppl., q. 98 a. 1
Ob jeder Willensakt in den Verdammten böse ist?
Quaestio 98 · Vom Willen und Verstand der Verdammten
Einwand 1: Es scheint, dass nicht jeder Willensakt in den Verdammten böse ist. Denn gemäß Dionysius (Div. Nom. iv) „begehren die Dämonen das Gute und das Beste, nämlich zu sein, zu leben, zu erkennen.“ Da nun die verdammten Menschen nicht schlechter daran sind als die Dämonen, scheint es, dass auch sie einen guten Willen haben können.
Einwand 2: Ferner sagt Dionysius (Div. Nom. iv): „Das Übel ist gänzlich unfreiwillig.“ Wenn also die Verdammten etwas wollen, so wollen sie es als etwas Gutes oder scheinbar Gutes. Nun ist ein Wille, der direkt auf das Gute geordnet ist, selbst gut. Daher können die Verdammten einen guten Willen haben.
Einwand 3: Ferner werden einige verdammt sein, die, als sie noch in dieser Welt waren, gewisse Tugendhaltungen erworben hatten, zum Beispiel Heiden, die bürgerliche Tugenden besaßen. Nun bringt ein Wille lobenswerte Akte aufgrund von tugendhaften Haltungen hervor. Daher kann es lobenswerte Willensakte bei einigen der Verdammten geben.
Dagegen spricht, dass ein verhärteter Wille niemals zu etwas anderem als zum Bösen geneigt sein kann. Nun werden die verdammten Menschen ebenso verhärtet sein wie die Dämonen [*Vgl. FP, Frage [64], Artikel [2]]. Ferner verhält sich der Wille der Verdammten zum Bösen so wie der Wille der Seligen zum Guten. Die Seligen aber haben niemals einen bösen Willen. Daher haben auch die Verdammten keinen guten Willen.
Ich antworte darauf, dass bei den Verdammten ein zweifacher Wille betrachtet werden kann, nämlich der überlegte Wille und der natürliche Wille. Ihr natürlicher Wille gehört ihnen nicht aus sich selbst, sondern vom Urheber der Natur, der der Natur diese Neigung gegeben hat, die wir den natürlichen Willen nennen. Da also die Natur in ihnen verbleibt, folgt daraus, dass der natürliche Wille in ihnen gut sein kann. Aber ihr überlegter Wille gehört ihnen aus sich selbst, insofern es in ihrer Macht steht, durch ihre Neigungen zu diesem oder jenem bewegt zu werden. Dieser Wille ist in ihnen immer böse: und dies deshalb, weil sie vollständig vom letzten Endziel eines rechten Willens abgewandt sind; noch kann ein Wille gut sein, wenn er nicht auf eben dieses Ziel gerichtet ist. Daher, auch wenn sie irgendein Gut wollen, wollen sie es nicht auf gute Weise, so dass man ihren Willen deswegen gut nennen könnte.
Antwort auf Einwand 1: Die Worte des Dionysius müssen vom natürlichen Willen verstanden werden, welcher die Neigung der Natur zu einem bestimmten Gut ist. Und doch ist diese natürliche Neigung durch ihre Bosheit verdorben, insofern dieses Gut, das sie von Natur aus begehren, von ihnen unter bestimmten bösen Umständen begehrt wird [*Vgl. FP, Frage [64], Artikel [2], ad 5].
Antwort auf Einwand 2: Das Böse als Böses bewegt den Willen nicht, sondern insofern es für gut gehalten wird. Doch rührt es von ihrer Bosheit her, dass sie das, was böse ist, so schätzen, als wäre es gut. Daher ist ihr Wille böse.
Antwort auf Einwand 3: Die Haltungen der bürgerlichen Tugend verbleiben nicht in der getrennten Seele, weil jene Tugenden uns nur im bürgerlichen Leben vervollkommnen, welches nach diesem Leben nicht verbleiben wird. Selbst wenn sie verblieben, kämen sie niemals zur Ausführung, da sie gleichsam durch die Verhärtung des Geistes gefesselt wären.