Suppl., q. 98 a. 3
Ob die Verdammten aus rechter und überlegender Vernunft wünschen würden, nicht zu sein?
Quaestio 98 · Vom Willen und Verstand der Verdammten
Einwand 1: Es scheint unmöglich, dass die Verdammten aus rechter und überlegender Vernunft wünschen, nicht zu sein. Denn Augustinus sagt (De Lib. Arb. iii, 7): „Betrachte, welch großes Gut es ist zu sein; da sowohl die Glücklichen als auch die Unglücklichen es wollen; denn zu sein und doch unglücklich zu sein, ist etwas Größeres, als überhaupt nicht zu sein.“
Einwand 2: Ferner argumentiert Augustinus so (De Lib. Arb. iii, 8): „Vorzug setzt Wahl voraus.“ Aber „nicht zu sein“ ist nicht wählbar; da es nicht den Anschein des Guten hat, denn es ist nichts. Daher kann das Nichtsein für die Verdammten nicht wünschenswerter sein als das „Sein“.
Einwand 3: Ferner ist das größere Übel mehr zu meiden. Nun ist „nicht zu sein“ das größte Übel, da es das Gute gänzlich entfernt, so dass nichts übrig bleibt. Daher ist „nicht zu sein“ mehr zu meiden als unglücklich zu sein: und so folgt dieselbe Schlussfolgerung wie oben.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Offb 9,6): „In jenen Tagen werden die Menschen ... den Tod suchen, und der Tod wird vor ihnen fliehen.“
Ferner übertrifft das Elend der Verdammten alles Elend dieser Welt. Nun ist es, um dem Elend dieser Welt zu entkommen, für einige wünschenswert zu sterben, weshalb geschrieben steht (Sir 41,3.4): „O Tod, dein Urteil ist willkommen dem Menschen, der bedürftig ist und dem die Kraft schwindet; der im greisen Alter ist und sich um alle Dinge sorgt, und dem Misstrauischen, der die Weisheit [Vulg.: 'Geduld'] verliert.“ Viel mehr ist daher das „Nichtsein“ für die Verdammten gemäß ihrer überlegenden Vernunft wünschenswert.
Ich antworte darauf, dass das Nichtsein auf zweifache Weise betrachtet werden kann. Erstens an sich, und so kann es keineswegs wünschenswert sein, da es keinen Aspekt des Guten hat, sondern reine Beraubung des Guten ist. Zweitens kann es als Erleichterung von einem schmerzhaften Leben oder von irgendeinem Elend betrachtet werden: und so nimmt das „Nichtsein“ den Aspekt des Guten an, da „einem Übel zu ermangeln eine Art von Gut ist“, wie der Philosoph sagt (Ethic. v, 1). Auf diese Weise ist es für die Verdammten besser, nicht zu sein, als unglücklich zu sein. Daher heißt es (Mt 26,24): „Es wäre für ihn besser, wenn jener Mensch nicht geboren wäre“, und (Jer 20,14): „Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren wurde“, wo eine Glosse des Hieronymus bemerkt: „Es ist besser, nicht zu sein, als auf üble Weise zu sein.“ In diesem Sinne können die Verdammten das „Nichtsein“ gemäß ihrer überlegenden Vernunft vorziehen [*Vgl. FP, Frage [5], Artikel [2], ad 3].
Antwort auf Einwand 1: Der Ausspruch des Augustinus ist in dem Sinne zu verstehen, dass „nicht zu sein“ wählbar ist, nicht an sich, sondern akzidentell, als Beendigung des Elends. Denn wenn gesagt wird, dass „zu sein“ und „zu leben“ von allen natürlicherweise begehrt wird, so dürfen wir dies nicht auf ein böses und verdorbenes Leben und ein Leben des Elends beziehen, wie der Philosoph sagt (Ethic. ix, 4), sondern schlechthin.
Antwort auf Einwand 2: Das Nichtsein ist wählbar, nicht an sich, sondern nur akzidentell, wie bereits gesagt wurde.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl „nicht zu sein“ sehr böse ist, insofern es das Sein entfernt, ist es sehr gut, insofern es das Elend entfernt, welches das größte der Übel ist, und so wird das „Nichtsein“ vorgezogen.