Suppl., q. 89 a. 6
Ob die Guten beim Gericht gerichtet werden?
Quaestio 89 · Von denen, die beim Allgemeinen Gericht richten werden, und von denen, die gerichtet werden.
Einwand 1: Es scheint, dass keiner der Guten beim Gericht gerichtet wird. Denn es wird erklärt (Joh 3,18), dass „wer an Ihn glaubt, nicht gerichtet wird“. Nun glaubten alle Guten an Ihn. Daher werden sie nicht gerichtet werden.
Einwand 2: Ferner sind jene, die ihrer Seligkeit unsicher sind, nicht selig: weshalb Augustinus beweist (Gen. ad lit. xi), dass die Dämonen niemals selig waren. Aber die Heiligen sind jetzt selig. Daher sind sie ihrer Seligkeit sicher. Nun wird das, was sicher ist, nicht dem Gericht unterworfen. Daher werden die Guten nicht gerichtet werden.
Einwand 3: Ferner ist Furcht unvereinbar mit Seligkeit. Aber das Jüngste Gericht, das vor allem als schrecklich beschrieben wird, kann nicht stattfinden, ohne jenen Furcht einzuflößen, die gerichtet werden sollen. Daher bemerkt Gregor zu Ijob 41,16 „Wenn er sich erhebt, werden die Engel sich fürchten“ usw. (Moral. xxxiv): „Bedenke, wie das Gewissen der Bösen dann beunruhigt sein wird, wenn selbst die Gerechten wegen ihres Lebens verstört sind.“ Daher werden die Seligen nicht gerichtet werden.
Dagegen spricht, dass es scheint, dass alle Guten gerichtet werden, da geschrieben steht (2 Kor 5,10): „Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, was dem Leib gebührt, je nachdem er gehandelt hat, sei es gut oder böse.“ Nun gibt es nichts anderes zu richten. Daher werden alle, auch die Guten, gerichtet werden.
Ferner schließt das „Allgemeine“ alle ein. Nun wird dies das allgemeine Gericht genannt. Daher werden alle gerichtet werden.
Ich antworte darauf, dass das Gericht zwei Dinge umfasst, nämlich die Erörterung der Verdienste und die Auszahlung der Belohnungen. Was die Auszahlung der Belohnungen betrifft, werden alle gerichtet werden, auch die Guten, da das göttliche Urteil jedem die Belohnung zuweisen wird, die seinem Verdienst entspricht. Aber es gibt keine Erörterung der Verdienste, außer wo gute und böse Verdienste miteinander vermischt sind. Nun werden jene, die auf dem Fundament des Glaubens „Gold, Silber und Edelsteine“ bauen (1 Kor 3,12), indem sie sich ganz dem göttlichen Dienst widmen, und die keine nennenswerte Beimischung von bösem Verdienst haben, keiner Erörterung ihrer Verdienste unterworfen. Solche sind jene, die gänzlich auf die Dinge der Welt verzichtet haben und besorgt auf die Dinge bedacht sind, die Gottes sind: weshalb sie gerettet, aber nicht gerichtet werden. Andere jedoch bauen auf dem Fundament des Glaubens Holz, Heu, Stroh; sie lieben nämlich weltliche Dinge und sind mit irdischen Angelegenheiten beschäftigt, doch so, dass sie nichts Christus vorziehen, sondern danach streben, ihre Sünden mit Almosen zu sühnen, und diese haben eine Beimischung von guten mit bösen Verdiensten. Daher werden sie einer Erörterung ihrer Verdienste unterworfen und folglich in dieser Hinsicht gerichtet werden, und doch werden sie gerettet werden.
Antwort auf Einwand 1: Da Strafe die Wirkung der Gerechtigkeit ist, während Belohnung die Wirkung der Barmherzigkeit ist, folgt daraus, dass Strafe antonomastisch (in besonderer Weise) dem Gericht zugeschrieben wird, welches der Akt der Gerechtigkeit ist; sodass Gericht manchmal gebraucht wird, um Verurteilung auszudrücken. So sind die zitierten Worte zu verstehen, wie eine Glosse zu der Stelle bemerkt.
Antwort auf Einwand 2: Die Verdienste der Auserwählten werden erörtert werden, nicht um die Ungewissheit ihrer Seligkeit aus den Herzen derer zu entfernen, die gerichtet werden sollen, sondern damit uns offenbar gemacht werde, dass ihre guten Verdienste ihre bösen Verdienste überwiegen, und so Gottes Gerechtigkeit bewiesen werde.
Antwort auf Einwand 3: Gregor spricht von den Gerechten, die noch im sterblichen Fleisch sein werden, weshalb er bereits gesagt hatte: „Jene, die noch im Körper sein werden, obwohl schon tapfer und vollkommen, müssen doch, da sie noch im Fleisch sind, inmitten eines solchen Wirbelsturms des Schreckens von Furcht beunruhigt werden.“ Daher ist es klar, dass sich diese Furcht auf die Zeit unmittelbar vor dem Gericht bezieht, in der Tat höchst schrecklich für die Bösen, aber nicht für die Guten, die keine Befürchtung vor Übel haben werden.
Die Argumente im gegenteiligen Sinne betrachten das Gericht hinsichtlich der Auszahlung der Belohnungen.