Suppl., q. 89 a. 4
Ob die Dämonen das Urteil des Richters an den Verdammten vollstrecken werden?
Quaestio 89 · Von denen, die beim Allgemeinen Gericht richten werden, und von denen, die gerichtet werden.
Einwand 1: Es scheint, dass die Dämonen das Urteil des Richters an den Verdammten nach dem Tag des Gerichts nicht vollstrecken werden. Denn gemäß dem Apostel (1 Kor 15,24): „Er wird dann jede Fürstenschaft, Gewalt und Macht vernichten.“ Daher wird dann jede Oberherrschaft aufhören. Aber die Vollstreckung des Urteils des Richters impliziert eine Art von Oberherrschaft. Daher werden die Dämonen nach dem Gerichtstag das Urteil des Richters nicht vollstrecken.
Einwand 2: Ferner sündigten die Dämonen schwerer als die Menschen. Daher ist es nicht gerecht, dass Menschen von Dämonen gequält werden sollten.
Einwand 3: Ferner, so wie die Dämonen den Menschen Böses suggerieren, so suggerieren gute Engel Gutes. Nun wird es nicht die Aufgabe der guten Engel sein, die Guten zu belohnen, sondern dies wird von Gott getan werden, unmittelbar durch Ihn selbst. Daher wird es auch nicht die Aufgabe der Dämonen sein, die Bösen zu bestrafen.
Dagegen spricht, dass die Sünder sich durch das Sündigen dem Teufel unterworfen haben. Daher ist es gerecht, dass sie ihm in ihren Strafen unterworfen sein sollten und gleichsam von ihm bestraft werden.
Ich antworte darauf, dass der Magister im Text der Sentenzen (iv, D, 47) zwei Meinungen zu dieser Frage erwähnt, die beide mit der göttlichen Gerechtigkeit vereinbar scheinen, weil es gerecht ist, dass der Mensch dem Teufel unterworfen ist, weil er gesündigt hat, und es doch ungerecht ist, dass der Dämon über ihm steht. Dementsprechend betrachtet die Meinung, die besagt, dass nach dem Gerichtstag die Dämonen nicht über die Menschen gesetzt werden, um sie zu bestrafen, die Ordnung der göttlichen Gerechtigkeit aufseiten der strafenden Dämonen; während die gegenteilige Meinung die Ordnung der göttlichen Gerechtigkeit aufseiten der bestraften Menschen betrachtet.
Welche dieser Meinungen der Wahrheit näher kommt, können wir nicht mit Gewissheit wissen. Doch halte ich es für wahrer zu sagen, dass so wie unter den Geretteten eine Ordnung beobachtet werden wird, sodass einige von anderen erleuchtet und vervollkommnet werden (weil alle Chöre der himmlischen Hierarchien für immer fortbestehen werden), so auch bei den Strafen eine Ordnung beobachtet werden wird, indem Menschen von Dämonen bestraft werden, damit die göttliche Ordnung, wodurch die Engel zwischen die menschliche Natur und die göttliche gestellt sind, nicht gänzlich aufgehoben werde. Weshalb so wie die göttlichen Erleuchtungen den Menschen durch die guten Engel übermittelt werden, so auch die Dämonen die göttliche Gerechtigkeit an den Bösen vollstrecken. Auch vermindert dies in keiner Weise die Strafe der Dämonen, da sie selbst, während sie andere quälen, gequält werden, weil dann die Gemeinschaft der Unglücklichen das Unglück nicht verringern, sondern vermehren wird.
Antwort auf Einwand 1: Die Oberherrschaft, von der erklärt wird, dass sie von Christus in der kommenden Zeit zunichtegemacht wird, muss im Sinne der Oberherrschaft verstanden werden, die dem Zustand dieser Welt entspricht: worin Menschen über Menschen, Engel über Menschen, Engel über Engel, Dämonen über Dämonen und Dämonen über Menschen gestellt sind; in jedem Fall so, dass sie entweder zum Ziel hinführen oder vom Ziel wegführen. Aber dann, wenn alle Dinge jenes Ziel erreicht haben werden, wird es keine Oberherrschaft geben, die vom Ziel wegführt oder zu ihm hinführt, sondern nur jene, die im Ziel, sei es gut oder böse, erhält.
Antwort auf Einwand 2: Obwohl das Missverdienst der Dämonen nicht erfordert, dass sie über Menschen gestellt werden, da sie Menschen sich ungerechterweise unterwarfen, wird dies doch von der Ordnung ihrer Natur in Bezug auf die menschliche Natur gefordert: da „die natürlichen Güter in ihnen unversehrt bleiben“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. iv).
Antwort auf Einwand 3: Die guten Engel sind nicht die Ursache der wesentlichen Belohnung bei den Auserwählten, weil alle diese unmittelbar von Gott empfangen. Dennoch sind die Engel die Ursache gewisser zufälliger Belohnungen bei den Menschen, insofern die höheren Engel jene unter ihnen erleuchten, sowohl Engel als auch Menschen, bezüglich gewisser verborgener Dinge Gottes, die nicht zum Wesen der Seligkeit gehören. In gleicher Weise werden die Verdammten ihre wesentliche Strafe unmittelbar von Gott empfangen, nämlich die ewige Verbannung von der göttlichen Schau: aber es gibt keinen Grund, warum die Dämonen die Menschen nicht mit anderen sinnlichen Strafen quälen sollten. Es gibt jedoch diesen Unterschied: dass Verdienst erhöht, wohingegen Sünde erniedrigt. Weshalb, da die engelgleiche Natur höher ist als die menschliche, einige aufgrund der Vorzüglichkeit ihres Verdienstes so weit erhöht werden, dass sie über die Engel erhoben werden, sowohl in der Natur als auch in den Belohnungen, sodass einige Engel von einigen Menschen erleuchtet werden. Andererseits werden keine menschlichen Sünder aufgrund eines gewissen Grades an Tugend die Erhabenheit erreichen, die der Natur der Dämonen anhaftet.