Suppl., q. 69 a. 1
Ob den Seelen nach dem Tode Orte zur Aufnahme bestimmt sind?
Quaestio 69 · Von den Dingen, die die Auferstehung betreffen, und zuerst vom Ort, an dem sich die Seelen nach dem Tode befinden.
Einwand 1: Es scheint, dass den Seelen nach dem Tode keine Orte zur Aufnahme bestimmt sind. Denn wie Boethius sagt (De Hebdom.): „Die Weisen sind sich einig, dass Unkörperliches nicht an einem Ort ist“, und dies stimmt mit den Worten des Augustinus überein (Gen. ad lit. xii, 32): „Wir können ohne Zögern antworten, dass die Seele nicht zu körperlichen Orten geführt wird, außer mit einem Körper, oder dass sie nicht örtlich versetzt wird.“ Nun ist die vom Körper getrennte Seele ohne Körper, wie auch Augustinus sagt (Gen. ad lit. xii, 32). Daher ist es widersinnig, irgendwelche Orte für die Aufnahme der Seelen zuzuweisen.
Einwand 2: Ferner hat alles, was einen bestimmten Ort hat, mehr mit diesem Ort gemein als mit irgendeinem anderen. Nun sind getrennte Seelen, wie gewisse andere geistige Substanzen, gleichgültig gegenüber allen Orten; denn man kann nicht sagen, dass sie mit bestimmten Körpern übereinstimmen und sich von anderen unterscheiden, da sie gänzlich von allen körperlichen Bedingungen entfernt sind. Daher sollten ihnen keine Orte zur Aufnahme zugewiesen werden.
Einwand 3: Ferner wird den getrennten Seelen nach dem Tode nichts zugewiesen, außer was zu ihrer Strafe oder ihrem Lohn dient. Aber ein körperlicher Ort kann nicht zu ihrer Strafe oder ihrem Lohn beitragen, da sie nichts von Körpern empfangen. Daher sollten keine bestimmten Orte bestimmt werden, um sie aufzunehmen.
Dagegen spricht: Der empyreische Himmel ist ein körperlicher Ort, und doch wurde er, sobald er geschaffen war, mit den heiligen Engeln erfüllt, wie Beda sagt (Hexaem. i, ad Gn. 1,2). Da nun Engel ebenso wie getrennte Seelen unkörperlich sind, scheint es, dass auch irgendein Ort bestimmt werden sollte, um die getrennten Seelen aufzunehmen.
Ferner erhellt dies aus Gregors Aussage (Dial. iv), dass Seelen nach dem Tode zu verschiedenen körperlichen Orten geführt werden, wie im Falle des Paschasius, den Germanus, Bischof von Capua, in den Bädern fand, und der Seele des Königs Theoderich, von der er behauptet, sie sei zur Hölle geführt worden. Daher haben die Seelen nach dem Tode gewisse Orte für ihre Aufnahme.
Ich antworte darauf: Obwohl geistige Substanzen in Bezug auf ihr Sein nicht von einem Körper abhängen, wird dennoch die körperliche Welt von Gott mittels der geistigen Welt regiert, wie von Augustinus (De Trin. iii, 4) und Gregor (Dial. iv, 6) behauptet wird. Daher kommt es, dass es eine gewisse Angemessenheit im Sinne einer Kongruenz der geistigen Substanzen zu den körperlichen Substanzen gibt, indem die edleren Körper den edleren Substanzen angepasst sind: weshalb auch die Philosophen der Ansicht waren, dass die Ordnung der getrennten Substanzen der Ordnung der beweglichen Dinge entspricht. Und obwohl den Seelen nach dem Tode keine Körper zugewiesen sind, deren Formen oder bestimmte Beweger sie wären, werden ihnen dennoch gewisse körperliche Orte im Wege der Kongruenz in Bezug auf ihren Grad an Adel bestimmt (worin sie gleichsam wie an einem Ort sind, nach der Weise, in der unkörperliche Dinge an einem Ort sein können), je nachdem, ob sie sich mehr oder weniger der ersten Substanz nähern (der der höchste Ort passenderweise zugewiesen ist), nämlich Gott, dessen Thron nach Aussage der Schrift der Himmel ist (Ps 102,19; Jes 66,1). Deshalb halten wir fest, dass jene Seelen, die einen vollkommenen Anteil an der Gottheit haben, im Himmel sind, und dass jene Seelen, die dieses Anteils beraubt sind, einem entgegengesetzten Ort zugewiesen werden.
Antwort auf Einwand 1: Unkörperliche Dinge sind nicht an einem Ort nach einer uns bekannten und vertrauten Weise, in der wir sagen, dass Körper eigentlich an einem Ort sind; sondern sie sind an einem Ort nach einer Weise, die geistigen Substanzen ziemt, einer Weise, die uns nicht vollständig offenbar sein kann.
Antwort auf Einwand 2: Dinge haben auf zweierlei Weise etwas miteinander gemein oder eine Ähnlichkeit zueinander. Erstens durch Teilhabe an derselben Qualität: so haben heiße Dinge etwas gemein, und unkörperliche Dinge können auf diese Weise nichts mit körperlichen Dingen gemein haben. Zweitens durch eine Art von Proportionalität, aufgrund derer die Schrift die körperliche Welt metaphorisch auf die geistige anwendet. So spricht die Schrift von Gott als der Sonne, weil Er das Prinzip des geistigen Lebens ist, wie die Sonne das des körperlichen Lebens ist. Auf diese Weise haben gewisse Seelen mehr gemein mit gewissen Orten: zum Beispiel Seelen, die geistig erleuchtet sind, mit leuchtenden Körpern, und Seelen, die durch Sünde in Finsternis getaucht sind, mit dunklen Orten.
Antwort auf Einwand 3: Die getrennte Seele empfängt nichts direkt von körperlichen Orten in derselben Weise wie Körper, die durch ihre jeweiligen Orte erhalten werden: doch dieselben Seelen schöpfen, indem sie wissen, dass sie solchen Orten zugewiesen sind, daraus Freude oder Leid; und so trägt ihr Ort zu ihrer Strafe oder ihrem Lohn bei.