Suppl., q. 69 a. 5
Ob der Limbus dasselbe ist wie die Hölle der Verdammten?
Quaestio 69 · Von den Dingen, die die Auferstehung betreffen, und zuerst vom Ort, an dem sich die Seelen nach dem Tode befinden.
Einwand 1: Es scheint, dass der Limbus der Hölle dasselbe ist wie die Hölle der Verdammten. Denn von Christus wird gesagt, er habe die Hölle „gebissen“ [*Anspielung auf Hos 13,14], aber sie nicht verschlungen, weil er einige von dort nahm, aber nicht alle. Nun würde nicht gesagt werden, er habe die Hölle „gebissen“, wenn jene, die er befreite, nicht Teil der Menge waren, die in der Hölle eingeschlossen war. Da also jene, die er befreite, in der Hölle eingeschlossen waren, waren dieselben im Limbus und in der Hölle eingeschlossen. Daher ist der Limbus entweder dasselbe wie die Hölle oder ein Teil der Hölle.
Einwand 2: Ferner wird im Glaubensbekenntnis gesagt, Christus sei in die Hölle hinabgestiegen. Aber er stieg nicht hinab außer zum Limbus der Väter. Daher ist der Limbus der Väter dasselbe wie die Hölle.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Ijob 17,16): „Alles, was ich habe, wird in die tiefste Hölle [Douay: ‚Grube‘] hinabsteigen.“ Nun da Ijob ein heiliger und gerechter Mann war, stieg er in den Limbus hinab. Daher ist der Limbus dasselbe wie die tiefste Hölle.
Dagegen spricht: In der Hölle gibt es keine Erlösung [*Totenofficium, Resp. vii]. Aber die Heiligen wurden aus dem Limbus erlöst. Daher ist der Limbus nicht dasselbe wie die Hölle.
Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. xii): „Ich sehe nicht, wie wir glauben können, dass die Ruhe, die Lazarus empfing, in der Hölle war.“ Nun stieg die Seele des Lazarus in den Limbus hinab. Daher ist der Limbus nicht dasselbe wie die Hölle.
Ich antworte darauf: Die Wohnsitze der Seelen nach dem Tode können auf zweierlei Weise unterschieden werden; entweder hinsichtlich ihrer Lage oder hinsichtlich der Qualität der Orte, insofern Seelen an bestimmten Orten bestraft oder belohnt werden. Wenn wir dementsprechend den Limbus der Väter und die Hölle in Bezug auf die genannte Qualität der Orte betrachten, besteht kein Zweifel, dass sie verschieden sind, sowohl weil es in der Hölle sinnliche Strafe gibt, die im Limbus der Väter nicht war, als auch weil es in der Hölle ewige Strafe gibt, wohingegen die Heiligen nur zeitweilig im Limbus der Väter festgehalten wurden. Andererseits, wenn wir sie hinsichtlich der Lage des Ortes betrachten, ist es wahrscheinlich, dass Hölle und Limbus derselbe Ort sind, oder dass sie gleichsam kontinuierlich sind, doch so, dass ein höherer Teil der Hölle der Limbus der Väter genannt wird. Denn jene, die in der Hölle sind, empfangen verschiedene Strafen gemäß der Verschiedenheit ihrer Schuld, so dass jene, die verdammt sind, dunkleren und tieferen Teilen der Hölle überantwortet werden, je nachdem, ob sie schwererer Sünden schuldig waren, und folglich wurden die heiligen Väter, in denen das geringste Maß an Sünde war, einem höheren und weniger finsteren Teil überantwortet als all jene, die zur Strafe verdammt waren.
Antwort auf Einwand 1: Als Christus durch seinen Abstieg die Väter aus dem Limbus befreite, wird gesagt, er habe die Hölle „gebissen“ und sei in die Hölle hinabgestiegen, insofern Hölle und Limbus hinsichtlich der Lage dasselbe sind.
Dies genügt für die Antwort auf den zweiten Einwand.
Antwort auf Einwand 3: Ijob stieg nicht in die Hölle der Verdammten hinab, sondern in den Limbus der Väter. Letzterer wird der tiefste Ort genannt, nicht in Bezug auf die Orte der Strafe, sondern im Vergleich mit anderen Orten, als alle Straforte unter einem Haupt einschließend. Wiederum können wir mit Augustinus (Gen. ad lit. xii) antworten, der über Jakob sagt: „Als Jakob zu seinen Söhnen sagte: ‚Ihr werdet meine grauen Haare mit Kummer zur Hölle hinabbringen‘, scheint er am meisten gefürchtet zu haben, er könnte mit so großem Kummer geplagt werden, dass er nicht die Ruhe der guten Menschen, sondern die Hölle der Sünder erlangt.“ Der Ausspruch Ijobs kann auf dieselbe Weise ausgelegt werden, als Äußerung eines Menschen in Furcht, eher als eine Behauptung.