II-II, q. 95 a. 6
Ob die Wahrsagerei aus Träumen unerlaubt ist?
Quaestio 95 · Vom Aberglauben der Wahrsagerei
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrsagerei aus Träumen nicht unerlaubt ist. Es ist nicht unerlaubt, sich göttlicher Unterweisung zu bedienen. Nun werden Menschen von Gott in Träumen unterwiesen, denn es steht geschrieben (Ijob 33,15.16): „Im Traum, im Nachtgesicht, wenn tiefer Schlaf auf die Menschen fällt und sie schlafen in ihren Betten, dann öffnet Er“, nämlich Gott, „das Ohr der Menschen und unterweist sie lehrend in dem, was sie lernen sollen.“ Deshalb ist es nicht unerlaubt, sich der Wahrsagerei aus Träumen zu bedienen.
Einwand 2: Ferner bedienen sich jene, die Träume deuten, eigentlich gesprochen der Wahrsagerei aus Träumen. Nun lesen wir von heiligen Männern, die Träume deuteten: so deutete Josef die Träume von Pharaos Mundschenk und seinem Oberbäcker (Gen 40), und Daniel deutete den Traum des Königs von Babylon (Dan 2,4). Deshalb ist Wahrsagerei aus Träumen nicht unerlaubt.
Einwand 3: Ferner ist es unvernünftig, die allgemeinen Erfahrungen der Menschen zu leugnen. Nun ist es die Erfahrung aller, dass Träume bezeichnend für die Zukunft sind. Deshalb ist es nutzlos, die Wirksamkeit von Träumen zum Zweck der Wahrsagerei zu leugnen, und es ist erlaubt, auf sie zu hören.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Dtn 18,10): „Es soll unter dir niemand gefunden werden, der ... auf Träume achtet.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 2, 6), Wahrsagerei abergläubisch und unerlaubt ist, wenn sie auf einer falschen Meinung basiert. Weshalb wir betrachten müssen, was wahr ist in der Angelegenheit des Vorherwissens der Zukunft aus Träumen. Nun sind Träume manchmal die Ursache zukünftiger Vorkommnisse; zum Beispiel, wenn der Geist einer Person durch das, was er in einem Traum gesehen hat, ängstlich wird und dadurch veranlasst wird, etwas zu tun oder etwas zu vermeiden: während Träume manchmal Zeichen zukünftiger Geschehnisse sind, insofern sie auf eine gemeinsame Ursache sowohl der Träume als auch der zukünftigen Vorkommnisse beziehbar sind, und auf diese Weise wird die Zukunft häufig aus Träumen erkannt. Wir müssen also betrachten, was die Ursache von Träumen ist, und ob sie die Ursache zukünftiger Vorkommnisse sein oder Kenntnis von ihnen haben kann.
Demnach ist zu beachten, dass die Ursache von Träumen manchmal in uns und manchmal außerhalb von uns ist. Die innere Ursache von Träumen ist zweifach: eine betrifft die Seele, insofern jene Dinge, die die Gedanken und Neigungen eines Menschen im Wachen beschäftigt haben, in seiner Einbildungskraft wiederkehren, während er schläft. Eine derartige Ursache von Träumen ist keine Ursache zukünftiger Vorkommnisse, so dass Träume dieser Art akzidentell auf zukünftige Vorkommnisse bezogen sind, und wenn sie zu irgendeiner Zeit zusammentreffen, wird es durch Zufall sein. Aber manchmal betrifft die innere Ursache von Träumen den Körper: weil die innere Disposition des Körpers zur Bildung einer Bewegung in der Einbildungskraft führt, die mit jener Disposition übereinstimmt; so träumt ein Mensch, in dem ein Überfluss an kalten Säften ist, dass er im Wasser oder Schnee ist: und aus diesem Grund sagen Ärzte, dass wir auf Träume achten sollten, um innere Dispositionen zu entdecken.
In gleicher Weise ist die äußere Ursache von Träumen zweifach, körperlich und geistig. Sie ist körperlich, insofern die Einbildungskraft des Schläfers entweder durch die umgebende Luft oder durch einen Eindruck eines Himmelskörpers beeinflusst wird, so dass gewisse Bilder dem Schläfer erscheinen, in Übereinstimmung mit der Disposition der Himmelskörper. Die geistige Ursache ist manchmal auf Gott beziehbar, Der den Menschen gewisse Dinge in ihren Träumen durch den Dienst der Engel offenbart, gemäß Num 12,6: „Wenn unter euch ein Prophet des Herrn ist, werde ich ihm in einer Vision erscheinen, oder ich werde im Traum zu ihm sprechen.“ Manchmal jedoch ist es der Aktion der Dämonen geschuldet, dass gewisse Bilder Personen in ihrem Schlaf erscheinen, und durch dieses Mittel offenbaren sie zuweilen gewisse zukünftige Dinge jenen, die einen unerlaubten Pakt mit ihnen eingegangen sind.
Demnach müssen wir sagen, dass es keine unerlaubte Wahrsagerei ist, sich der Träume für das Vorherwissen der Zukunft zu bedienen, solange jene Träume auf göttliche Offenbarung oder auf irgendeine natürliche Ursache, innerlich oder äußerlich, zurückzuführen sind, und soweit die Wirksamkeit jener Ursache reicht. Aber es wird eine unerlaubte und abergläubische Wahrsagerei sein, wenn sie durch eine Offenbarung der Dämonen verursacht wird, mit denen ein Pakt geschlossen wurde, sei es explizit, indem sie zu dem Zweck angerufen werden, oder implizit, indem die Wahrsagerei über ihre möglichen Grenzen hinaus ausgedehnt wird.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.