II-II, q. 95 a. 2
Ob die Wahrsagerei eine Art des Aberglaubens ist?
Quaestio 95 · Vom Aberglauben der Wahrsagerei
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrsagerei keine Art des Aberglaubens ist. Dasselbe Ding kann nicht eine Art verschiedener Gattungen sein. Nun ist die Wahrsagerei anscheinend eine Art der Neugier (curiositas), gemäß Augustinus (De Vera Relig. xxxviii). Deshalb ist sie anscheinend keine Art des Aberglaubens.
Einwand 2: Ferner, so wie Religion der gebührende Kult ist, so ist Aberglaube der ungebührende Kult. Aber die Wahrsagerei scheint nicht zum ungebührenden Kult zu gehören. Deshalb gehört sie nicht zum Aberglauben.
Einwand 3: Ferner ist der Aberglaube der Religion entgegengesetzt. Aber in der wahren Religion findet sich nichts, was der Wahrsagerei als Gegenteil entspricht. Deshalb ist die Wahrsagerei keine Art des Aberglaubens.
Dagegen spricht, dass Origenes in seinem Peri Archon sagt: „Es gibt eine Wirksamkeit der Dämonen bei der Verwaltung des Vorherwissens, die anscheinend unter dem Haupt gewisser Künste zusammengefasst ist, welche von jenen ausgeübt werden, die sich den Dämonen versklavt haben, mittels Losen, Vorzeichen oder der Beobachtung von Schatten. Ich zweifle nicht, dass all diese Dinge durch die Wirksamkeit der Dämonen geschehen.“ Nun ist gemäß Augustinus (De Doctr. Christ. ii, 20,23) „alles, was aus der Gemeinschaft zwischen Dämonen und Menschen resultiert, abergläubisch.“ Deshalb ist die Wahrsagerei eine Art des Aberglaubens.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 1; Q. 92, 94), Aberglaube einen ungebührenden göttlichen Kult bezeichnet. Nun gehört ein Ding auf zwei Arten zum Kult Gottes: auf eine Weise ist es etwas, das Gott dargebracht wird; wie ein Opfer, eine Gabe oder etwas dergleichen: auf eine andere Weise ist es etwas Göttliches, das angenommen wird, wie oben in Bezug auf den Eid gesagt wurde (Q. 89, Art. 4, ad 2). Daher schließt der Aberglaube nicht nur götzendienerische Opfer ein, die Dämonen dargebracht werden, sondern auch die Zuflucht zur Hilfe der Dämonen zum Zweck, etwas zu tun oder zu wissen. Aber alle Wahrsagerei resultiert aus der Wirksamkeit der Dämonen, entweder weil die Dämonen ausdrücklich angerufen werden, damit die Zukunft bekannt gemacht werde, oder weil die Dämonen sich in nichtige Erforschungen der Zukunft drängen, um die Geister der Menschen mit eitlen Einbildungen zu verstricken. Von dieser Art der Eitelkeit steht geschrieben (Ps 39,5): „Der nicht auf Eitelkeiten und lügenhafte Torheiten schaut.“ Nun ist es eitel, Erkenntnis der Zukunft zu suchen, wenn man versucht, sie aus einer Quelle zu erhalten, aus der sie nicht vorhergewusst werden kann. Deshalb ist es offenkundig, dass die Wahrsagerei eine Art des Aberglaubens ist.
Antwort auf Einwand 1: Die Wahrsagerei ist eine Art der Neugier im Hinblick auf das beabsichtigte Ziel, welches das Vorherwissen der Zukunft ist; aber sie ist eine Art des Aberglaubens im Hinblick auf die Art und Weise der Ausführung.
Antwort auf Einwand 2: Diese Art der Wahrsagerei gehört zum Kult der Dämonen, insofern man einen Pakt, stillschweigend oder ausdrücklich, mit den Dämonen eingeht.
Antwort auf Einwand 3: Im Neuen Gesetz wird der Geist des Menschen von der Sorge um zeitliche Dinge zurückgehalten: weshalb das Neue Gesetz keine Einrichtung für das Vorherwissen zukünftiger Ereignisse in zeitlichen Angelegenheiten enthält. Andererseits gab es im Alten Gesetz, das irdische Verheißungen enthielt, Befragungen über die Zukunft in Verbindung mit religiösen Angelegenheiten. Daher wird dort, wo geschrieben steht (Jes 8,19): „Und wenn sie zu euch sagen werden: Befragt die Totenbeschwörer und Wahrsager, die in ihren Beschwörungen murmeln“, als Antwort hinzugefügt: „Sollte nicht das Volk seinen Gott befragen, eine Vision für die Lebenden und die Toten?“
Im Neuen Testament jedoch gab es einige, die den Geist der Prophetie besaßen, die viele Dinge über zukünftige Ereignisse vorhersagten.