II-II, q. 95 a. 5
Ob die Wahrsagerei aus den Gestirnen unerlaubt ist?
Quaestio 95 · Vom Aberglauben der Wahrsagerei
Einwand 1: Es scheint, dass die Wahrsagerei aus den Gestirnen nicht unerlaubt ist. Es ist erlaubt, Wirkungen vorherzusagen, indem man ihre Ursachen beobachtet: so sagt ein Arzt den Tod aus der Beschaffenheit der Krankheit voraus. Nun sind die Himmelskörper die Ursache dessen, was in der Welt geschieht, gemäß Dionysius (Div. Nom. iv). Deshalb ist die Wahrsagerei aus den Gestirnen nicht unerlaubt.
Einwand 2: Ferner entspringt die menschliche Wissenschaft aus Experimenten, gemäß dem Philosophen (Metaph. i, 1). Nun wurde durch viele Experimente entdeckt, dass die Beobachtung der Sterne ein Mittel ist, wodurch einige zukünftige Ereignisse im Voraus erkannt werden können. Deshalb scheint es nicht unerlaubt, sich dieser Art der Wahrsagerei zu bedienen.
Einwand 3: Ferner wird Wahrsagerei insofern als unerlaubt erklärt, als sie auf einem mit den Dämonen geschlossenen Pakt basiert. Aber die Wahrsagerei aus den Gestirnen enthält nichts dergleichen, sondern lediglich eine Beobachtung von Gottes Geschöpfen. Deshalb scheint es, dass diese Art der Wahrsagerei nicht unerlaubt ist.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Confess. iv, 3): „Jene Astrologen, die sie Mathematiker nennen, konsultierte ich ohne Skrupel; weil sie kein Opfer zu verwenden schienen, noch zu irgendeinem Geist für ihre Wahrsagungen zu beten, welche Kunst jedoch die christliche und wahre Frömmigkeit verwirft und verurteilt.“
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 1, 2), die Wirksamkeit des Dämons sich in jene Wahrsagungen hineindrängt, die auf falschen und eitlen Meinungen basieren, damit der Geist des Menschen in Eitelkeit und Falschheit verstrickt werde. Nun bedient man sich einer eitlen und falschen Meinung, wenn man durch Beobachtung der Sterne wünscht, die Zukunft vorherzuwissen, die durch ihre Mittel nicht vorhergesagt werden kann. Weshalb wir betrachten müssen, welche Dinge durch Beobachtung der Sterne vorhergewusst werden können: und es ist offensichtlich, dass jene Dinge, die mit Notwendigkeit geschehen, durch dieses Mittel vorhergewusst werden können; so sagen Astronomen eine zukünftige Finsternis voraus.
Jedoch gab es bezüglich des Vorherwissens zukünftiger Ereignisse, das durch Beobachtung der Sterne erworben wird, verschiedene Meinungen. Denn einige haben behauptet, dass die Sterne die Dinge, die mittels ihrer Beobachtung vorhergesagt werden, eher bezeichnen als verursachen. Aber dies ist eine unvernünftige Aussage: da jedes körperliche Zeichen entweder die Wirkung dessen ist, wofür es steht (so bezeichnet Rauch Feuer, wodurch er verursacht wird), oder es geht aus derselben Ursache hervor, so dass es, indem es die Ursache bezeichnet, in der Folge die Wirkung bezeichnet (so ist ein Regenbogen manchmal ein Zeichen für schönes Wetter, insofern seine Ursache die Ursache für schönes Wetter ist). Nun kann nicht gesagt werden, dass die Anordnungen und Bewegungen der Himmelskörper die Wirkung zukünftiger Ereignisse sind; noch wiederum können sie einer gemeinsamen höheren Ursache körperlicher Natur zugeschrieben werden, obwohl sie auf eine gemeinsame höhere Ursache beziehbar sind, welche die göttliche Vorsehung ist. Im Gegenteil ist die Bestimmung der Bewegungen und Positionen der Himmelskörper durch die göttliche Vorsehung von einem anderen Prinzip als die Bestimmung des Eintretens zukünftiger Kontingenzen, weil erstere nach einem Prinzip der Notwendigkeit bestimmt sind, so dass sie immer auf dieselbe Weise geschehen, während letztere nach einem Prinzip der Kontingenz bestimmt sind, so dass die Art ihres Eintretens veränderlich ist. Folglich ist es unmöglich, Vorherwissen der Zukunft aus einer Beobachtung der Sterne zu erlangen, außer insofern Wirkungen aus ihren Ursachen vorhergewusst werden können.
Nun entziehen sich zwei Arten von Wirkungen der Kausalität der Himmelskörper. Erstens alle Wirkungen, die zufällig geschehen, sei es in menschlichen Angelegenheiten oder in der natürlichen Ordnung, da, wie in Metaph. vi bewiesen wird, ein zufälliges Seiendes keine Ursache hat, am wenigsten eine natürliche Ursache, wie es die Kraft eines Himmelskörpers ist, weil das, was zufällig geschieht, weder ein „Seiendes“ im eigentlichen Sinne ist, noch „eines“ – zum Beispiel, dass ein Erdbeben geschieht, wenn ein Stein fällt, oder dass ein Schatz entdeckt wird, wenn ein Mann ein Grab gräbt – denn diese und ähnliche Vorkommnisse sind nicht ein Ding, sondern schlicht mehrere Dinge. Wohingegen die Wirksamkeit der Natur immer irgendein Ding als ihren Terminus hat, so wie sie aus irgendeinem Prinzip hervorgeht, welches die Form eines natürlichen Dinges ist.
Zweitens entziehen sich die Akte des freien Willens, welcher das Vermögen von Wille und Vernunft ist, der Kausalität der Himmelskörper. Denn der Intellekt oder die Vernunft ist kein Körper, noch der Akt eines körperlichen Organs, und folglich ist es auch der Wille nicht, da er in der Vernunft ist, wie der Philosoph zeigt (De Anima iii, 4,9). Nun kann kein Körper einen Eindruck auf einen unkörperlichen Körper machen. Weshalb es für Himmelskörper unmöglich ist, einen direkten Eindruck auf den Intellekt und Willen zu machen: denn dies hieße, den Unterschied zwischen Intellekt und Sinn zu leugnen, eine Position, die Aristoteles (De Anima iii, 3) jenen vorwirft, die behaupteten, dass „so der Wille des Menschen ist, wie der Tag, den der Vater der Menschen und Götter“, d.h. die Sonne oder der Himmel, „heraufführt“.
Daher können die Himmelskörper nicht die direkte Ursache der Operationen des freien Willens sein. Dennoch können sie eine dispositive Ursache einer Neigung zu jenen Operationen sein, insofern sie einen Eindruck auf den menschlichen Körper machen, und folglich auf die sinnlichen Vermögen, die Akte körperlicher Organe sind, welche eine Neigung zu menschlichen Handlungen haben. Da jedoch die sinnlichen Vermögen der Vernunft gehorchen, wie der Philosoph zeigt (De Anima iii, 11; Ethic. i, 13), erlegt dies dem freien Willen keine Notwendigkeit auf, und der Mensch ist fähig, durch seine Vernunft gegen die Neigung der Himmelskörper zu handeln.
Wenn demnach jemand die Beobachtung der Sterne vornimmt, um zufällige oder fortuitäre zukünftige Ereignisse vorherzuwissen, oder um mit Gewissheit zukünftige menschliche Handlungen zu wissen, basiert sein Verhalten auf einer falschen und eitlen Meinung; und so führt sich die Wirksamkeit des Dämons darin ein, weshalb es eine abergläubische und unerlaubte Wahrsagerei sein wird. Wenn andererseits jemand die Beobachtung der Sterne anwenden würde, um jene zukünftigen Dinge vorherzuwissen, die durch Himmelskörper verursacht werden, zum Beispiel Dürre oder Regen und so weiter, wird es weder eine unerlaubte noch eine abergläubische Wahrsagerei sein.
Woraus die Antwort auf den ersten Einwand offensichtlich ist.
Antwort auf Einwand 2: Dass Astrologen nicht selten die Wahrheit vorhersagen, indem sie die Sterne beobachten, kann auf zwei Arten erklärt werden. Erstens, weil eine große Anzahl von Menschen ihren körperlichen Leidenschaften folgt, so dass ihre Handlungen größtenteils in Übereinstimmung mit der Neigung der Himmelskörper disponiert sind: während es wenige gibt, nämlich allein die Weisen, die diese Neigungen durch ihre Vernunft mäßigen. Das Ergebnis ist, dass Astrologen in vielen Fällen die Wahrheit vorhersagen, besonders bei öffentlichen Ereignissen, die von der Menge abhängen. Zweitens wegen des Eingreifens der Dämonen. Daher sagt Augustinus (Gen. ad lit. ii, 17): „Wenn Astrologen die Wahrheit sagen, muss zugestanden werden, dass dies einem Instinkt geschuldet ist, der, dem Menschen unbekannt, in seinem Geist verborgen liegt. Und da dies durch die Aktion unreiner und lügenhafter Geister geschieht, die den Menschen zu täuschen begehren, denn es ist ihnen erlaubt, gewisse Dinge über zeitliche Angelegenheiten zu wissen.“ Weshalb er schließt: „So sollte sich ein guter Christ vor Astrologen hüten, und vor allen gottlosen Wahrsagern, besonders vor jenen, die die Wahrheit sagen, damit seine Seele nicht das Opfer der Dämonen werde und sich durch das Schließen eines Partnerschaftspaktes mit ihnen in ihre Gemeinschaft verstricke.“
Dies genügt für die Antwort auf den dritten Einwand.