II-II, q. 81 a. 5
Ob die Religion eine theologische Tugend ist?
Quaestio 81 · Von der Religion
Einwand 1: Es scheint, dass die Religion eine theologische Tugend ist. Augustinus sagt (Enchiridion iii), dass „Gott durch Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt wird“, welche theologische Tugenden sind. Nun gehört es zur Religion, Gott Verehrung zu erweisen. Also ist die Religion eine theologische Tugend.
Einwand 2: Ferner ist eine theologische Tugend eine solche, die Gott zum Objekt hat. Nun hat die Religion Gott zum Objekt, da sie uns allein auf Gott hinordnet, wie oben gesagt (Art. 1). Also ist die Religion eine theologische Tugend.
Einwand 3: Ferner ist jede Tugend entweder theologisch oder intellektuell oder moralisch, wie aus dem klar ist, was gesagt wurde (I-II, Q. 57, 58, 62). Nun ist es offensichtlich, dass die Religion keine intellektuelle Tugend ist, weil ihre Vollkommenheit nicht von der Betrachtung der Wahrheit abhängt: noch ist sie eine moralische Tugend, die eigentlich darin besteht, die Mitte zwischen zu viel und zu wenig einzuhalten. Denn man kann Gott nicht zu viel verehren, gemäß Sir 43,33: „Wenn ihr den Herrn preist, erhöht Ihn, so sehr ihr könnt; denn Er ist über allem Lob.“ Also bleibt übrig, dass sie eine theologische Tugend ist.
Dagegen spricht, dass sie als ein Teil der Gerechtigkeit gerechnet wird, welche eine moralische Tugend ist.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Art. 4), die Religion Gott die gebührende Verehrung erweist. Daher sind bei der Religion zwei Dinge zu betrachten: erstens das, was sie Gott darbringt, nämlich die Verehrung, und dies verhält sich wie Materie und Objekt in der Religion; zweitens jener, dem etwas dargebracht wird, nämlich Gott, Dem die Verehrung erwiesen wird. Und doch reichen die Akte, durch die Gott verehrt wird, nicht bis zu Gott selbst, so wie wir, wenn wir Gott glauben, Ihn durch den Glauben erreichen; aus welchem Grund gesagt wurde (Q. 1, Art. 1, 2, 4), dass Gott Gegenstand des Glaubens ist, nicht nur weil wir an einen Gott glauben, sondern weil wir Gott glauben.
Nun wird Gott die gebührende Verehrung erwiesen, insofern bestimmte Akte, durch die Gott verehrt wird, wie die Darbringung von Opfern und dergleichen, aus Ehrfurcht vor Gott getan werden. Daher ist es offensichtlich, dass Gott zur Religion nicht in Beziehung steht als Materie oder Objekt, sondern als Ziel: und folglich ist die Religion keine theologische Tugend, deren Objekt das letzte Ziel ist, sondern eine moralische Tugend, die eigentlich von Dingen handelt, die auf das Ziel hingeordnet sind.
Antwort auf Einwand 1: Die Kraft oder Tugend, deren Handeln sich mit einem Ziel befasst, bewegt durch ihren Befehl die Kraft oder Tugend, deren Handeln sich mit Dingen befasst, die auf dieses Ziel gerichtet sind. Nun haben die theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe einen Akt in Bezug auf Gott als ihr eigentliches Objekt: weshalb sie durch ihren Befehl den Akt der Religion verursachen, welche bestimmte Taten verrichtet, die auf Gott gerichtet sind: und so sagt Augustinus, dass Gott durch Glaube, Hoffnung und Liebe verehrt wird.
Antwort auf Einwand 2: Die Religion ordnet den Menschen auf Gott hin, nicht als ihr Objekt, sondern als ihr Ziel.
Antwort auf Einwand 3: Die Religion ist weder eine theologische noch eine intellektuelle, sondern eine moralische Tugend, da sie ein Teil der Gerechtigkeit ist und eine Mitte einhält, nicht in den Leidenschaften, sondern in den auf Gott gerichteten Handlungen, indem sie in ihnen eine Art von Gleichheit herstellt. Und wenn ich „Gleichheit“ sage, meine ich nicht absolute Gleichheit, weil es nicht möglich ist, Gott so viel zu erstatten, wie wir Ihm schulden, sondern Gleichheit in Anbetracht der menschlichen Fähigkeit und der göttlichen Annahme.
Und es ist möglich, in Angelegenheiten, die den göttlichen Kult betreffen, ein Zuviel zu haben, nicht hinsichtlich des Umstands der Quantität, sondern hinsichtlich anderer Umstände, wie wenn göttlicher Kult dem erwiesen wird, dem er nicht gebührt, oder wenn er nicht gebührt, oder in ungebührlicher Weise in Bezug auf irgendeinen anderen Umstand.