II-II, q. 81 a. 3
Ob die Religion *eine* Tugend ist?
Quaestio 81 · Von der Religion
Einwand 1: Es scheint, dass die Religion nicht eine Tugend ist. Die Religion ordnet uns auf Gott hin, wie oben gesagt (Art. 1). Nun gibt es in Gott drei Personen; und auch viele Attribute, die sich zumindest begrifflich voneinander unterscheiden. Nun genügt ein begrifflicher Unterschied im Objekt für einen Unterschied der Tugend, wie oben dargelegt (Q. 50, Art. 2, ad 2). Also ist die Religion nicht eine Tugend.
Einwand 2: Ferner gibt es von einer Tugend scheinbar einen Akt, da Habitus durch ihre Akte unterschieden werden. Nun gibt es viele Akte der Religion, zum Beispiel verehren, dienen, geloben, beten, opfern und viele dergleichen. Also ist die Religion nicht eine Tugend.
Einwand 3: Ferner gehört die Anbetung zur Religion. Nun wird Anbetung den Bildern unter einem Aspekt erwiesen und Gott Selbst unter einem anderen Aspekt. Da also ein Unterschied des Aspekts die Tugenden unterscheidet, scheint es, dass die Religion nicht eine Tugend ist.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Eph 4,5): „Ein Gott [Vulg.: ‚Herr‘], ein Glaube.“ Nun bekennt die wahre Religion den Glauben an den einen Gott. Also ist die Religion eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (I-II, Q. 54, Art. 2, ad 1), Habitus gemäß einem unterschiedlichen Aspekt des Objektes unterschieden werden. Nun gehört es zur Religion, dem einen Gott unter einem Aspekt Ehrfurcht zu erweisen, nämlich als dem ersten Prinzip der Schöpfung und der Regierung der Dinge. Weshalb Er Selbst sagt (Mal 1,6): „Wenn ... ich ein Vater bin, wo ist meine Ehre?“ Denn es kommt einem Vater zu, zu zeugen und zu regieren. Daher ist es offensichtlich, dass die Religion eine Tugend ist.
Antwort auf Einwand 1: Die drei göttlichen Personen sind das eine Prinzip der Schöpfung und Regierung der Dinge, weshalb ihnen durch eine Religion gedient wird. Die verschiedenen Aspekte der Attribute kommen unter dem Aspekt des ersten Prinzips zusammen, weil Gott alle Dinge hervorbringt und sie durch die Weisheit, den Willen und die Macht seiner Güte regiert. Weshalb die Religion eine Tugend ist.
Antwort auf Einwand 2: Durch ein und denselben Akt dient der Mensch Gott und verehrt Ihn, denn die Verehrung [cultus] bezieht sich auf die Vorzüglichkeit Gottes, Dem Ehrfurcht gebührt; während der Dienst [servitus] sich auf die Unterwerfung des Menschen bezieht, der aufgrund seines Zustandes unter der Verpflichtung steht, Gott Ehrfurcht zu erweisen. Zu diesen beiden gehören alle Akte, die der Religion zugeschrieben werden, weil der Mensch durch sie alle Zeugnis ablegt von der göttlichen Vorzüglichkeit und seiner eigenen Unterwerfung unter Gott, entweder indem er Gott etwas darbringt oder indem er etwas Göttliches annimmt.
Antwort auf Einwand 3: Der Kult der Religion wird Bildern erwiesen, nicht als in sich selbst betrachtet, noch als Dinge, sondern als Bilder, die uns zum menschgewordenen Gott führen. Nun bleibt die Bewegung zum Bild als Bild nicht beim Bild stehen, sondern geht auf die Sache über, die es darstellt. Daher wird weder die „Latrie“ noch die Tugend der Religion dadurch unterschieden, dass religiöse Verehrung den Bildern Christi erwiesen wird.