II-II, q. 8 a. 4
Ob die Gabe des Verstandes in allen ist, die im Stand der Gnade sind?
Quaestio 8 · Von der Gabe der Einsicht
Einwand 1: Es scheint, dass die Gabe des Verstandes nicht in allen ist, die im Stand der Gnade sind. Denn Gregor sagt (Moral. ii, 49), dass „die Gabe des Verstandes als Heilmittel gegen die Stumpfheit des Geistes gegeben wird“. Nun leiden viele, die im Stand der Gnade sind, an Stumpfheit des Geistes. Deshalb ist die Gabe des Verstandes nicht in allen, die im Stand der Gnade sind.
Einwand 2: Ferner scheint von allen Dingen, die mit Erkenntnis verbunden sind, der Glaube allein für das Heil notwendig zu sein, da durch den Glauben Christus in unseren Herzen wohnt, gemäß Eph 3,17. Nun ist die Gabe des Verstandes nicht in jedem, der den Glauben hat; tatsächlich sollten jene, die den Glauben haben, beten, dass sie verstehen mögen, wie Augustinus sagt (De Trin. xv, 27). Deshalb ist die Gabe des Verstandes nicht notwendig für das Heil: und folglich ist sie nicht in allen, die im Stand der Gnade sind.
Einwand 3: Ferner werden jene Dinge, die allen gemeinsam sind, die im Stand der Gnade sind, ihnen niemals entzogen. Nun entzieht sich die Gnade des Verstandes und der anderen Gaben manchmal nutzbringend, denn zuweilen, „wenn der Geist aufgeblasen ist durch das Verstehen erhabener Dinge, wird er träge und stumpf in niedrigen und geringen Dingen“, wie Gregor bemerkt (Moral. ii, 49). Deshalb ist die Gabe des Verstandes nicht in allen, die im Stand der Gnade sind.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Ps 81,5): „Sie haben nicht erkannt noch verstanden, sie wandeln in der Finsternis.“ Aber niemand, der im Stand der Gnade ist, wandelt in der Finsternis, gemäß Joh 8,12: „Wer mir nachfolgt, wandelt nicht in der Finsternis.“ Deshalb ist niemand, der im Stand der Gnade ist, ohne die Gabe des Verstandes.
Ich antworte darauf, dass in allen, die im Stand der Gnade sind, notwendigerweise eine Richtig-Gestelltheit des Willens sein muss, da die Gnade den Willen des Menschen auf das Gute vorbereitet, gemäß Augustinus (Contra Julian. Pelag. iv, 3). Nun kann der Wille nicht richtig auf das Gute gerichtet werden, wenn nicht bereits eine gewisse Erkenntnis der Wahrheit vorhanden ist, da der Gegenstand des Willens das verstandene Gute ist, wie in De Anima iii, 7 dargelegt wird. Wiederum, so wie der Heilige Geist den Willen des Menschen durch die Gabe der Liebe lenkt, um ihn direkt zu einem übernatürlichen Gut zu bewegen; so erleuchtet Er auch durch die Gabe des Verstandes den menschlichen Geist, damit er eine übernatürliche Wahrheit erkennt, auf die der rechte Wille tendieren muss.
Deshalb ist, so wie die Gabe der Liebe in allen ist, die die heiligmachende Gnade haben, so auch die Gabe des Verstandes.
Zu Einwand 1: Einige, die die heiligmachende Gnade haben, mögen an Stumpfheit des Geistes leiden in Bezug auf Dinge, die nicht für das Heil notwendig sind; aber in Bezug auf jene, die für das Heil notwendig sind, werden sie vom Heiligen Geist hinreichend unterwiesen, gemäß 1 Joh 2,27: „Seine Salbung lehrt euch über alles.“
Zu Einwand 2: Obwohl nicht alle, die den Glauben haben, die Dinge, die zu glauben vorgelegt werden, vollständig verstehen, verstehen sie doch, dass sie sie glauben sollen und dass sie keinesfalls von ihnen abweichen sollen.
Zu Einwand 3: In Bezug auf Dinge, die für das Heil notwendig sind, entzieht sich die Gabe des Verstandes niemals heiligen Personen: aber damit sie keinen Anreiz zum Stolz haben, entzieht sie sich manchmal in Bezug auf andere Dinge, sodass ihr Geist unfähig ist, alle Dinge klar zu durchdringen.