II-II, q. 8 a. 5
Ob die Gabe des Verstandes auch in jenen gefunden wird, die keine heiligmachende Gnade haben?
Quaestio 8 · Von der Gabe der Einsicht
Einwand 1: Es scheint, dass die Gabe des Verstandes auch in jenen gefunden wird, die keine heiligmachende Gnade haben. Denn Augustinus sagt bei der Auslegung der Worte von Ps 118,20: „Meine Seele hat begehrt, nach deinen Rechtfertigungen zu verlangen“: „Der Verstand fliegt voraus, und der Wille des Menschen ist schwach und langsam zu folgen.“ Aber in allen, die die heiligmachende Gnade haben, ist der Wille aufgrund der Liebe bereitwillig. Deshalb kann die Gabe des Verstandes in jenen sein, die keine heiligmachende Gnade haben.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Dan 10,1), dass „Verstand nötig ist in einer“ prophetischen „Vision“, sodass es scheinbar keine Prophetie ohne die Gabe des Verstandes gibt. Aber es kann Prophetie ohne heiligmachende Gnade geben, wie bezeugt durch Mt 7,22, wo jenen, die sagen: „Haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?“, mit den Worten geantwortet wird: „Ich habe euch nie gekannt.“ Deshalb kann die Gabe des Verstandes ohne heiligmachende Gnade sein.
Einwand 3: Ferner entspricht die Gabe des Verstandes der Tugend des Glaubens, gemäß Jes 7,9, nach einer anderen Lesart [*Septuaginta]: „Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht verstehen.“ Nun kann der Glaube ohne heiligmachende Gnade sein. Deshalb kann die Gabe des Verstandes ohne sie sein.
Dagegen spricht, dass unser Herr sagte (Joh 6,45): „Jeder, der vom Vater gehört und gelernt hat, kommt zu mir.“ Nun lernen oder verstehen wir durch den Intellekt, wie Gregor bemerkt (Moral. i, 32), was wir hören. Deshalb kommt jeder, der die Gabe des Verstandes hat, zu Christus, was ohne heiligmachende Gnade unmöglich ist. Deshalb kann die Gabe des Verstandes nicht ohne heiligmachende Gnade sein.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [68], Artikel [1],2), die Gaben des Heiligen Geistes die Seele vervollkommnen, insofern sie für die Bewegung des Heiligen Geistes empfänglich ist. Demgemäß wird also das intellektuelle Licht der Gnade Gabe des Verstandes genannt, insofern der Verstand des Menschen leicht vom Heiligen Geist bewegt wird, wobei die Betrachtung dieser Bewegung von einer wahren Erfassung des Ziels abhängt. Weshalb, wenn der menschliche Intellekt nicht so weit vom Heiligen Geist bewegt wird, dass er eine rechte Einschätzung des Ziels hat, er noch nicht die Gabe des Verstandes erlangt hat, wie sehr auch immer der Heilige Geist ihn in Bezug auf andere Wahrheiten erleuchtet haben mag, die Präambeln zum Glauben sind.
Um nun eine rechte Einschätzung über das letzte Ziel zu haben, darf man nicht über das Ziel im Irrtum sein und muss fest an ihm als dem größten Gut haften: und niemand kann dies ohne heiligmachende Gnade tun; so wie in moralischen Angelegenheiten ein Mensch eine rechte Einschätzung über das Ziel durch einen Habitus der Tugend hat. Deshalb hat niemand die Gabe des Verstandes ohne heiligmachende Gnade.
Zu Einwand 1: Mit Verstand meint Augustinus jede Art von intellektuellem Licht, das jedoch nicht alle Bedingungen einer Gabe erfüllt, es sei denn, der Geist des Menschen ist so weit vervollkommnet, dass er eine rechte Einschätzung über das Ziel hat.
Zu Einwand 2: Der Verstand, der für die Prophetie erforderlich ist, ist eine Art Erleuchtung des Geistes in Bezug auf die Dinge, die dem Propheten offenbart werden: aber er ist keine Erleuchtung des Geistes in Bezug auf eine rechte Einschätzung über das letzte Ziel, was zur Gabe des Verstandes gehört.
Zu Einwand 3: Glaube impliziert lediglich Zustimmung zu dem, was vorgelegt wird, aber Verstand impliziert eine gewisse Wahrnehmung der Wahrheit, welche Wahrnehmung, außer in einem, der die heiligmachende Gnade hat, nicht das Ziel betreffen kann, wie oben dargelegt. Daher versagt der Vergleich zwischen Verstand und Glaube.