II-II, q. 55 a. 5
Ob der Betrug zur Verschlagenheit gehört?
Quaestio 55 · Von den Lastern, die der Klugheit durch Ähnlichkeit entgegengesetzt sind
Einwand 1: Es scheint, dass der Betrug (fraus) nicht zur Verschlagenheit gehört. Denn ein Mensch verdient kein Lob, wenn er sich täuschen lässt, was der Gegenstand der Verschlagenheit ist; und doch verdient ein Mensch Lob, wenn er sich betrügen lässt, gemäß 1 Kor 6,7: "Warum lasst ihr euch nicht lieber betrügen?" Daher gehört Betrug nicht zur Verschlagenheit.
Einwand 2: Ferner scheint der Betrug darin zu bestehen, äußere Dinge unrechtmäßig zu nehmen oder zu empfangen, denn es steht geschrieben (Apg 5,1), dass "ein gewisser Mann namens Hananias mit seiner Frau Saphira ein Grundstück verkaufte und durch Betrug einen Teil des Preises des Landes zurückbehielt". Nun gehört es zur Ungerechtigkeit oder Knausrigkeit, äußere Dinge ungerechterweise in Besitz zu nehmen oder zurückzubehalten. Daher gehört Betrug nicht zur Verschlagenheit, die der Klugheit entgegengesetzt ist.
Einwand 3: Ferner wendet kein Mensch Verschlagenheit gegen sich selbst an. Aber die Betrügereien einiger richten sich gegen sie selbst, denn es steht geschrieben (Spr 1,18) über einige, "dass sie Betrügereien [Vulg.: 'Trug'] gegen ihre eigenen Seelen üben". Daher gehört Betrug nicht zur Verschlagenheit.
Dagegen spricht: Das Ziel des Betrugs ist es zu täuschen, gemäß Ijob 13,9: "Soll er getäuscht werden wie ein Mensch, durch eure betrügerischen [Vulg.: 'trügerischen'] Handlungen?" Nun ist Verschlagenheit auf dasselbe Ziel gerichtet. Daher gehört Betrug zur Verschlagenheit.
Ich antworte darauf: Wie die "Hinterlist" in der Ausführung der Verschlagenheit besteht, so auch der "Betrug". Sie scheinen sich jedoch darin zu unterscheiden, dass "Hinterlist" im Allgemeinen zur Ausführung der Verschlagenheit gehört, sei dies durch Worte oder durch Taten bewirkt, während "Betrug" eigentlicher zur Ausführung der Verschlagenheit durch Taten gehört.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel rät den Gläubigen nicht, in ihrem Wissen getäuscht zu werden, sondern die Wirkung des Getäuschtwerdens geduldig zu ertragen und das ihnen durch Betrug zugefügte Unrecht zu erdulden.
Antwort auf Einwand 2: Die Ausführung der Verschlagenheit kann durch ein anderes Laster erfolgen, so wie die Ausführung der Klugheit durch die Tugenden: und dementsprechend hindert nichts daran, dass Betrug zur Habsucht oder Knausrigkeit gehört.
Antwort auf Einwand 3: Diejenigen, die Betrügereien begehen, planen nichts gegen sich selbst oder ihre eigenen Seelen; es geschieht durch Gottes gerechtes Gericht, dass das, was sie gegen andere planen, auf sie selbst zurückfällt, gemäß Ps 7,16: "Er ist in die Grube gefallen, die er gemacht hat."