II-II, q. 55 a. 2
Ob die Klugheit des Fleisches eine Todsünde ist?
Quaestio 55 · Von den Lastern, die der Klugheit durch Ähnlichkeit entgegengesetzt sind
Einwand 1: Es scheint, dass die Klugheit des Fleisches eine Todsünde ist. Denn es ist eine Todsünde, sich gegen das göttliche Gesetz aufzulehnen, da dies eine Verachtung Gottes impliziert. Nun unterwirft sich "die Klugheit [Vulg.: 'Weisheit'] des Fleisches ... nicht dem Gesetz Gottes" (Röm 8,7). Daher ist die Klugheit des Fleisches eine Todsünde.
Einwand 2: Ferner ist jede Sünde gegen den Heiligen Geist eine Todsünde. Nun scheint die Klugheit des Fleisches eine Sünde gegen den Heiligen Geist zu sein, denn "sie kann sich dem Gesetz Gottes nicht unterwerfen" (Röm 8,7), und so scheint sie eine unverzeihliche Sünde zu sein, was der Sünde gegen den Heiligen Geist eigen ist. Daher ist die Klugheit des Fleisches eine Todsünde.
Einwand 3: Ferner steht das größte Übel dem größten Gut entgegen, wie in Ethic. viii, 10 gesagt wird. Nun steht die Klugheit des Fleisches jener Klugheit entgegen, die das Haupt der moralischen Tugenden ist. Daher ist die Klugheit des Fleisches die erste unter den Todsünden, so dass sie selbst eine Todsünde ist.
Dagegen spricht: Was eine Sünde vermindert, hat nicht aus sich selbst den Charakter einer Todsünde. Nun vermindert das bedachte Streben nach Dingen, die zur Sorge für das Fleisch gehören, was zur fleischlichen Klugheit zu gehören scheint, die Sünde [*Vgl. Spr 6,30]. Daher hat die Klugheit des Fleisches nicht aus sich selbst den Charakter einer Todsünde.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt wurde (Quaestio [47], Artikel [2], ad 1; Artikel [13]), wird ein Mensch auf zweifache Weise klug genannt. Erstens schlechthin, d.h. in Bezug auf das Ziel des ganzen Lebens. Zweitens relativ, d.h. in Bezug auf irgendein besonderes Ziel; so wird ein Mensch klug im Geschäft oder etwas Ähnlichem genannt. Wenn also die Klugheit des Fleisches so genommen wird, dass sie der Klugheit in ihrer absoluten Bedeutung entspricht, so dass ein Mensch das letzte Ziel seines ganzen Lebens in die Sorge für das Fleisch setzt, ist es eine Todsünde, weil er sich dadurch von Gott abwendet, da er nicht mehrere letzte Ziele haben kann, wie oben dargelegt (FS, Quaestio [1], Artikel [5]).
Wenn andererseits die Klugheit des Fleisches so genommen wird, dass sie der besonderen Klugheit entspricht, ist es eine lässliche Sünde. Denn es geschieht manchmal, dass ein Mensch eine ungeordnete Neigung zu irgendeinem Vergnügen des Fleisches hat, ohne sich durch eine Todsünde von Gott abzuwenden; in welchem Fall er nicht das Ziel seines ganzen Lebens in das fleischliche Vergnügen setzt. Sich darauf zu verlegen, dieses Vergnügen zu erlangen, ist eine lässliche Sünde und gehört zur Klugheit des Fleisches. Wenn aber ein Mensch die Sorge für das Fleisch tatsächlich auf ein gutes Ziel bezieht, wie wenn jemand um seine Nahrung besorgt ist, um seinen Körper zu erhalten, ist dies nicht mehr Klugheit des Fleisches, weil man dann die Sorge für das Fleisch als Mittel zum Zweck gebraucht.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel spricht von jener fleischlichen Klugheit, durch die ein Mensch das Ziel seines ganzen Lebens in die Güter des Fleisches setzt, und dies ist eine Todsünde.
Antwort auf Einwand 2: Die Klugheit des Fleisches impliziert keine Sünde gegen den Heiligen Geist. Denn wenn gesagt wird, dass "sie sich dem Gesetz Gottes nicht unterwerfen kann", so bedeutet dies nicht, dass derjenige, der die Klugheit des Fleisches hat, sich nicht bekehren und dem Gesetz Gottes unterwerfen kann, sondern dass die fleischliche Klugheit selbst nicht dem Gesetz Gottes unterworfen sein kann, so wie auch Ungerechtigkeit nicht gerecht sein kann, noch Hitze Kälte, obwohl das, was heiß ist, kalt werden kann.
Antwort auf Einwand 3: Jede Sünde steht der Klugheit entgegen, so wie an der Klugheit jede Tugend Anteil hat. Aber es folgt nicht, dass jede Sünde, die der Klugheit entgegensteht, am schwersten ist, sondern nur dann, wenn sie der Klugheit in einer sehr schweren Materie entgegensteht.