II-II, q. 55 a. 3
Ob die Verschlagenheit eine besondere Sünde ist?
Quaestio 55 · Von den Lastern, die der Klugheit durch Ähnlichkeit entgegengesetzt sind
Einwand 1: Es scheint, dass die Verschlagenheit (astutia) keine besondere Sünde ist. Denn die Worte der Heiligen Schrift verleiten niemanden zur Sünde; und doch verleiten sie uns dazu, verschlagen zu sein, gemäß Spr 1,4: "Um den Kleinen Verschlagenheit [Vulg.: 'Feinheit'] zu geben." Daher ist Verschlagenheit keine Sünde.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Spr 13,16): "Der Verschlagene [Vulg.: 'Kluge'] tut alles mit Überlegung." Daher tut er dies entweder für ein gutes oder für ein böses Ziel. Wenn für ein gutes Ziel, so liegt scheinbar keine Sünde vor, und wenn für ein böses Ziel, so scheint es zur fleischlichen oder weltlichen Klugheit zu gehören. Daher ist Verschlagenheit keine besondere, von der Klugheit des Fleisches verschiedene Sünde.
Einwand 3: Ferner sagt Gregor in der Auslegung der Worte Hiobs 12, "Die Einfalt des Gerechten wird verlacht" (Moral. x, 29): "Die Weisheit dieser Welt besteht darin, seine Gedanken durch Kunstgriffe zu verbergen, seinen Sinn durch Worte zu verhüllen, Irrtum als Wahrheit darzustellen, die Wahrheit als falsch auszugeben", und weiter fügt er hinzu: "Diese Klugheit wird von den Jungen erworben, sie wird von Kindern um einen Preis gelernt." Nun scheinen die obigen Dinge zur Verschlagenheit zu gehören. Daher ist Verschlagenheit nicht von fleischlicher oder weltlicher Klugheit verschieden, und folglich scheint sie keine besondere Sünde zu sein.
Dagegen spricht: Der Apostel sagt (2 Kor 4,2): "Wir entsagen den verborgenen Dingen der Schande und wandeln nicht in Verschlagenheit, noch verfälschen wir das Wort Gottes." Daher ist Verschlagenheit eine Sünde.
Ich antworte darauf: Klugheit ist "die rechte Vernunft im Handeln", so wie Wissenschaft "die rechte Vernunft im Wissen" ist. In spekulativen Dingen kann man gegen die Richtigkeit des Wissens auf zwei Arten sündigen: auf eine Weise, wenn die Vernunft zu einer falschen Schlussfolgerung geführt wird, die wahr erscheint; auf eine andere Weise, wenn die Vernunft von falschen Prämissen ausgeht, die wahr erscheinen, sei es zu einer wahren oder zu einer falschen Schlussfolgerung. Ebenso kann eine Sünde gegen die Klugheit sein, indem sie eine gewisse Ähnlichkeit mit ihr hat, auf zwei Arten. Erstens, wenn die Absicht der Vernunft auf ein Ziel gerichtet ist, das nicht in Wahrheit, sondern dem Schein nach gut ist, und dies gehört zur Klugheit des Fleisches; zweitens, wenn ein Mensch, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, sei es gut oder böse, Mittel anwendet, die nicht wahr, sondern vorgetäuscht und gefälscht sind, und dies gehört zur Sünde der Verschlagenheit. Dies ist folglich eine Sünde, die der Klugheit entgegengesetzt und von der Klugheit des Fleisches verschieden ist.
Antwort auf Einwand 1: Wie Augustinus bemerkt (Contra Julian. iv, 3), wird, so wie Klugheit manchmal uneigentlich in einem schlechten Sinne genommen wird, so auch Verschlagenheit manchmal in einem guten Sinne genommen, und dies wegen ihrer gegenseitigen Ähnlichkeit. Eigentlich gesprochen wird Verschlagenheit jedoch in einem schlechten Sinne genommen, wie der Philosoph in Ethic. vi, 12 feststellt.
Antwort auf Einwand 2: Die Verschlagenheit kann sowohl für ein gutes als auch für ein böses Ziel Rat pflegen: doch sollte ein gutes Ziel nicht durch Mittel verfolgt werden, die falsch und gefälscht sind, sondern durch solche, die wahr sind. Daher ist Verschlagenheit eine Sünde, wenn sie auf ein gutes Ziel gerichtet ist.
Antwort auf Einwand 3: Unter "weltlicher Klugheit" fasste Gregor alles zusammen, was zur falschen Klugheit gehören kann, so dass sie auch die Verschlagenheit umfasst.