II-II, q. 55 a. 4
Ob die Hinterlist eine zur Verschlagenheit gehörende Sünde ist?
Quaestio 55 · Von den Lastern, die der Klugheit durch Ähnlichkeit entgegengesetzt sind
Einwand 1: Es scheint, dass die Hinterlist (dolus) keine zur Verschlagenheit gehörende Sünde ist. Denn Sünde, besonders die Todsünde, findet keinen Platz bei vollkommenen Menschen. Doch eine gewisse Hinterlist ist bei ihnen zu finden, gemäß 2 Kor 12,16: "Da ich verschlagen war, habe ich euch mit Hinterlist gefangen." Daher ist Hinterlist nicht immer eine Sünde.
Einwand 2: Ferner scheint die Hinterlist hauptsächlich die Zunge zu betreffen, gemäß Ps 5,11: "Sie handelten trügerisch mit ihren Zungen." Nun liegt Verschlagenheit wie Klugheit im eigentlichen Akt der Vernunft. Daher gehört Hinterlist nicht zur Verschlagenheit.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Spr 12,20): "Hinterlist [Vulg.: 'Trug'] ist im Herzen derer, die Böses denken." Aber das Denken an böse Dinge gehört nicht immer zur Verschlagenheit. Daher scheint Hinterlist nicht zur Verschlagenheit zu gehören.
Dagegen spricht: Die Verschlagenheit zielt auf das Auflauern ab, gemäß Eph 4,14: "Durch listige Verschlagenheit, mit der sie auflauern, um zu täuschen": und Hinterlist zielt ebenfalls darauf ab. Daher gehört Hinterlist zur Verschlagenheit.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt (Artikel [3]), gehört es zur Verschlagenheit, Wege einzuschlagen, die nicht wahr, sondern gefälscht und scheinbar wahr sind, um irgendein Ziel, sei es gut oder böse, zu erreichen. Nun kann das Einschlagen solcher Wege einer zweifachen Betrachtung unterzogen werden; erstens hinsichtlich des Prozesses ihres Ausdenkens, und dies gehört eigentlich zur Verschlagenheit, so wie das Ausdenken rechter Wege zu einem gebührenden Ziel zur Klugheit gehört. Zweitens kann das Einschlagen solcher Wege im Hinblick auf ihre tatsächliche Ausführung betrachtet werden, und auf diese Weise gehört es zur Hinterlist. Daher bezeichnet Hinterlist eine gewisse Ausführung der Verschlagenheit und gehört dementsprechend zu ihr.
Antwort auf Einwand 1: So wie Verschlagenheit eigentlich in einem schlechten Sinne und uneigentlich in einem guten Sinne genommen wird, so auch die Hinterlist, welche die Ausführung der Verschlagenheit ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Ausführung der Verschlagenheit in der Absicht zu täuschen geschieht in erster Linie durch Worte, welche den ersten Platz unter jenen Zeichen einnehmen, durch die ein Mensch einem anderen Menschen etwas bezeichnet, wie Augustinus feststellt (De Doctr. Christ. ii, 3), daher wird Hinterlist hauptsächlich der Rede zugeschrieben. Doch kann Hinterlist auch in Taten geschehen, gemäß Ps 104,25: "Und um hinterlistig an seinen Knechten zu handeln." Hinterlist ist auch im Herzen, gemäß Sir 19,23: "Sein Inneres ist voll von Trug", aber dies bedeutet, Betrügereien zu ersinnen, gemäß Ps 37,13: "Sie sannen auf Trug den ganzen Tag."
Antwort auf Einwand 3: Wer eine böse Tat vorhat, muss notwendigerweise gewisse Wege ersinnen, um sein Vorhaben zu erreichen, und meistens ersinnt er trügerische Wege, um sein Ziel leichter zu erlangen. Dennoch geschieht es manchmal, dass Böses offen und durch Gewalt ohne Verschlagenheit und Hinterlist getan wird; aber da dies schwieriger ist, kommt es weniger häufig vor.