II-II, q. 49 a. 8
Ob die Vorsicht als Teil der Klugheit gerechnet werden muss?
Quaestio 49 · Von den einzelnen quasi-integrierenden Teilen der Klugheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Vorsicht nicht als Teil der Klugheit gerechnet werden sollte. Denn wenn kein Übel möglich ist, ist keine Vorsicht erforderlich. Nun macht kein Mensch bösen Gebrauch von der Tugend, wie Augustinus erklärt (De Lib. Arb. ii, 19). Daher gehört die Vorsicht nicht zur Klugheit, die die Tugenden leitet.
Einwand 2: Ferner gehören das Vorhersehen des Guten und das Vermeiden des Bösen zum selben Vermögen, so wie dieselbe Kunst Gesundheit gibt und Krankheit heilt. Nun gehört es zur Voraussicht, das Gute vorherzusehen, und folglich auch, das Böse zu vermeiden. Daher sollte die Vorsicht nicht als ein von der Voraussicht verschiedener Teil der Klugheit gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner strebt kein kluger Mensch nach dem Unmöglichen. Aber kein Mensch kann Vorkehrungen gegen alle möglichen Übel treffen. Daher gehört die Vorsicht nicht zur Klugheit.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Eph 5,15): „Seht zu, wie ihr vorsichtig wandelt [Douay: 'umsichtig'].“
Ich antworte darauf, dass die Dinge, mit denen sich die Klugheit befasst, kontingente Handlungen sind, in denen, so wie Falsches mit Wahrem gefunden wird, auch Böses mit Gutem vermischt ist, wegen der großen Vielfalt dieser Handlungen, in denen das Gute oft durch das Böse behindert wird und das Böse den Anschein des Guten hat. Weshalb die Klugheit der Vorsicht bedarf, damit wir das Gute so erfassen, dass wir das Böse vermeiden.
Antwort auf Einwand 1: Vorsicht ist bei moralischen Akten erforderlich, damit wir auf der Hut sind, nicht gegen Akte der Tugend, sondern gegen die Behinderung von Akten der Tugend.
Antwort auf Einwand 2: Es ist der Idee nach dasselbe, das Gute zu erstreben und das entgegengesetzte Böse zu vermeiden, aber die Vermeidung äußerer Hindernisse ist der Idee nach verschieden. Daher unterscheidet sich die Vorsicht von der Voraussicht, obwohl beide zur einen Tugend der Klugheit gehören.
Antwort auf Einwand 3: Von den Übeln, die der Mensch vermeiden muss, treten einige häufig auf; dergleichen kann von der Vernunft erfasst werden, und gegen sie richtet sich die Vorsicht, entweder damit sie ganz vermieden werden oder damit sie weniger Schaden anrichten. Andere gibt es, die selten und zufällig auftreten, und diese können, da sie unendlich an Zahl sind, nicht von der Vernunft erfasst werden, noch ist der Mensch fähig, Vorkehrungen gegen sie zu treffen, obwohl er durch die Ausübung der Klugheit fähig ist, sich auf alle Überraschungen des Zufalls vorzubereiten, um dadurch weniger Schaden zu erleiden.