II-II, q. 49 a. 4
Ob der Scharfsinn ein Teil der Klugheit ist?
Quaestio 49 · Von den einzelnen quasi-integrierenden Teilen der Klugheit
Einwand 1: Es scheint, dass der Scharfsinn kein Teil der Klugheit ist. Denn Scharfsinn besteht darin, leicht den Mittelbegriff für Beweisführungen zu finden, wie in Poster. i, 34 dargelegt. Nun ist die Überlegung der Klugheit kein Beweis, da sie sich mit Kontingenzen befasst. Daher gehört der Scharfsinn nicht zur Klugheit.
Einwand 2: Ferner gehört guter Rat zur Klugheit gemäß Ethic. vi, 5,7,9. Nun gibt es beim guten Rat keinen Platz für Scharfsinn [*Ethic. vi, 9; Poster. i, 34], der eine Art {eustochia}, d.h. „eine glückliche Vermutung“, ist: denn letztere ist „unvernünftig und schnell“, während der Rat langsam sein muss, wie in Ethic. vi, 9 dargelegt. Daher sollte der Scharfsinn nicht als Teil der Klugheit gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner ist Scharfsinn, wie oben dargelegt (Quaestio [48]), eine „glückliche Vermutung“. Nun gehört es zu den Rhetorikern, Vermutungen anzustellen. Daher gehört der Scharfsinn eher zur Rhetorik als zur Klugheit.
Dagegen spricht, dass Isidor sagt (Etym. x): „Ein fürsorglicher Mensch ist einer, der scharfsinnig und wachsam ist [solers citus].“ Aber Fürsorge gehört zur Klugheit, wie oben dargelegt (Quaestio [47], Artikel [9]). Daher tut dies auch der Scharfsinn.
Ich antworte darauf, dass Klugheit in einer richtigen Einschätzung über Handlungen besteht. Nun wird eine richtige Einschätzung oder Meinung auf zwei Arten erworben, sowohl in praktischen als auch in spekulativen Dingen: erstens, indem man sie selbst entdeckt, zweitens, indem man sie von anderen lernt. So wie nun die Gelehrigkeit darin besteht, dass ein Mensch gut disponiert ist, eine richtige Meinung von einem anderen Menschen zu erwerben, so ist der Scharfsinn eine geeignete Disposition, eine richtige Einschätzung durch sich selbst zu erwerben, jedoch so, dass Scharfsinn für {eustochia} genommen wird, wovon er ein Teil ist. Denn {eustochia} ist eine glückliche Vermutung über irgendeine Sache, während Scharfsinn „eine leichte und schnelle Vermutung beim Finden des Mittelbegriffs“ ist (Poster. i, 34). Dennoch nimmt der Philosoph [*Andronicus; Vgl. Quaestio [48], Einwand [1]], der den Scharfsinn einen Teil der Klugheit nennt, ihn für {eustochia} im Allgemeinen, weshalb er sagt: „Scharfsinn ist ein Habitus, durch den Übereinstimmungen schnell entdeckt werden.“
Antwort auf Einwand 1: Scharfsinn befasst sich mit der Entdeckung des Mittelbegriffs nicht nur in demonstrativen, sondern auch in praktischen Syllogismen, wie zum Beispiel, wenn zwei Männer als Freunde gesehen werden, sie als Feinde eines dritten gerechnet werden, wie der Philosoph sagt (Poster. i, 34). Auf diese Weise gehört der Scharfsinn zur Klugheit.
Antwort auf Einwand 2: Der Philosoph führt den wahren Grund an (Ethic. vi, 9), um zu beweisen, dass {euboulia}, d.h. guter Rat, nicht {eustochia} ist, welche dafür gelobt wird, schnell zu erfassen, was getan werden soll. Nun kann ein Mensch guten Rat fassen, auch wenn er dabei lange und langsam ist, und doch mindert dies nicht den Nutzen einer glücklichen Vermutung beim Fassen eines guten Rates: tatsächlich ist sie manchmal eine Notwendigkeit, wenn zum Beispiel etwas ohne Vorwarnung getan werden muss. Aus diesem Grund wird der Scharfsinn passenderweise als Teil der Klugheit gerechnet.
Antwort auf Einwand 3: Auch die Rhetorik argumentiert über praktische Angelegenheiten, weshalb nichts hindert, dass dieselbe Sache sowohl zur Rhetorik als auch zur Klugheit gehört. Dennoch wird Vermutung hier nicht nur in dem Sinne genommen, in dem sie von Rhetorikern verwendet wird, sondern als anwendbar auf alle Angelegenheiten, in denen der Mensch die Wahrheit vermutet.