II-II, q. 49 a. 5
Ob die Vernunft als Teil der Klugheit gerechnet werden muss?
Quaestio 49 · Von den einzelnen quasi-integrierenden Teilen der Klugheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Vernunft nicht als Teil der Klugheit gerechnet werden sollte. Denn das Subjekt eines Akzidens ist kein Teil desselben. Aber die Klugheit ist in der Vernunft als ihrem Subjekt (Ethic. vi, 5). Daher sollte die Vernunft nicht als Teil der Klugheit gerechnet werden.
Einwand 2: Ferner sollte das, was vielen gemeinsam ist, nicht als Teil eines von ihnen gerechnet werden; oder wenn es so gerechnet wird, sollte es als Teil dessen gerechnet werden, zu dem es hauptsächlich gehört. Nun ist die Vernunft in allen intellektuellen Tugenden notwendig, und hauptsächlich in der Weisheit und Wissenschaft, die eine demonstrative Vernunft anwenden. Daher sollte die Vernunft nicht als Teil der Klugheit gerechnet werden.
Einwand 3: Ferner unterscheidet sich die Vernunft als Vermögen nicht wesentlich von der Intelligenz, wie oben dargelegt (FP, Quaestio [79], Artikel [8]). Wenn daher die Intelligenz als Teil der Klugheit gerechnet wird, ist es überflüssig, die Vernunft hinzuzufügen.
Dagegen spricht, dass Macrobius [*In Somn. Scip. i], der Meinung des Plotin folgend, die Vernunft zu den Teilen der Klugheit zählt.
Ich antworte darauf, dass das Werk der Klugheit darin besteht, guten Rat zu fassen, wie in Ethic. vi, 7 dargelegt. Nun ist der Rat eine Forschung, die von bestimmten Dingen zu anderen fortschreitet. Dies aber ist das Werk der Vernunft. Weshalb es für die Klugheit erforderlich ist, dass der Mensch fähig ist, gut zu folgern. Und da die Dinge, die für die Vollkommenheit der Klugheit erforderlich sind, notwendige oder quasi-integrale Teile der Klugheit genannt werden, folgt daraus, dass die Vernunft unter diese Teile gezählt werden sollte.
Antwort auf Einwand 1: Vernunft bezeichnet hier nicht das Vermögen der Vernunft, sondern ihren guten Gebrauch.
Antwort auf Einwand 2: Die Gewissheit der Vernunft kommt aus dem Intellekt. Doch rührt die Notwendigkeit der Vernunft von einem Mangel im Intellekt her, da jene Dinge, in denen die intellektive Kraft in voller Stärke ist, keine Vernunft benötigen, denn sie erfassen die Wahrheit durch ihre einfache Einsicht, wie Gott und die Engel. Andererseits sind besondere Handlungen, in denen die Klugheit leitet, sehr weit von der Bedingung intelligibler Dinge entfernt, und umso weiter, als sie weniger sicher und feststehend sind. So sind Dinge der Kunst, obwohl sie singulär sind, dennoch fester und sicherer, weshalb es in vielen von ihnen wegen ihrer Gewissheit keinen Raum für Rat gibt, wie in Ethic. iii, 3 dargelegt. Daher erfordert die Klugheit, obwohl in gewissen anderen intellektuellen Tugenden die Vernunft sicherer ist als in der Klugheit, doch vor allem, dass der Mensch fähig ist, gut zu folgern, damit er das Universale richtig auf das Besondere anwenden kann, welches letztere vielfältig und unsicher ist.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl Intelligenz und Vernunft keine verschiedenen Vermögen sind, werden sie doch nach verschiedenen Akten benannt. Denn Intelligenz hat ihren Namen davon, dass sie eine innige Durchdringung der Wahrheit ist [*Vgl. SS, Quaestio [8], Artikel [1]], während Vernunft so genannt wird, weil sie forschend und diskursiv ist. Daher wird jede als ein Teil der Vernunft gerechnet, wie oben erklärt (Artikel [2]; Quaestio [47], Artikel [2],3).