II-II, q. 49 a. 1
Ob das Gedächtnis ein Teil der Klugheit ist?
Quaestio 49 · Von den einzelnen quasi-integrierenden Teilen der Klugheit
Einwand 1: Es scheint, dass das Gedächtnis kein Teil der Klugheit ist. Denn das Gedächtnis befindet sich, wie der Philosoph beweist (De Memor. et Remin. i), im sinnlichen Teil der Seele; die Klugheit hingegen im vernünftigen Teil (Ethic. vi, 5). Also ist das Gedächtnis kein Teil der Klugheit.
Einwand 2: Ferner wird die Klugheit durch Erfahrung erworben und vervollkommnet, während das Gedächtnis uns von Natur aus gegeben ist. Also ist das Gedächtnis kein Teil der Klugheit.
Einwand 3: Ferner bezieht sich das Gedächtnis auf die Vergangenheit, die Klugheit aber auf zukünftige Handlungen, mit denen sich die Beratung befasst, wie in Ethic. vi, 2,7 dargelegt wird. Also ist das Gedächtnis kein Teil der Klugheit.
Dagegen spricht, dass Cicero (De Invent. Rhet. ii, 53) das Gedächtnis zu den Teilen der Klugheit zählt.
Ich antworte darauf, dass die Klugheit sich auf kontingente Handlungen bezieht, wie oben dargelegt (Quaestio [47], Artikel [5]). In solchen Dingen nun kann der Mensch nicht durch das geleitet werden, was einfachhin und notwendigerweise wahr ist, sondern durch das, was in der Mehrzahl der Fälle geschieht: denn die Prinzipien müssen ihren Schlussfolgerungen entsprechen, und „aus Ähnlichem muss auf Ähnliches geschlossen werden“ (Ethic. vi [*Anal. Post. i. 32]). Wir benötigen aber Erfahrung, um zu entdecken, was in der Mehrzahl der Fälle wahr ist: weshalb der Philosoph sagt (Ethic. ii, 1), dass „die intellektuelle Tugend durch Erfahrung und Zeit entsteht und wächst.“ Nun ist Erfahrung das Ergebnis vieler Erinnerungen, wie in Metaph. i, 1 gesagt wird, und deshalb erfordert die Klugheit das Gedächtnis an viele Dinge. Daher wird das Gedächtnis passenderweise als ein Teil der Klugheit gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben dargelegt (Quaestio [47], Artikel [3],6), wendet die Klugheit die universale Erkenntnis auf das Einzelne an, welches Gegenstand der Sinne ist: daher sind viele Dinge, die zu den sinnlichen Vermögen gehören, für die Klugheit erforderlich, und das Gedächtnis ist eines davon.
Antwort auf Einwand 2: So wie die Anlage zur Klugheit in unserer Natur liegt, ihre Vollendung aber durch Übung oder Gnade kommt, so entsteht auch, wie Cicero in seiner Rhetorik sagt [*Ad Herenn. de Arte Rhet. iii, 16,24], das Gedächtnis nicht nur aus der Natur, sondern wird auch durch Kunst und Sorgfalt unterstützt.
Es gibt vier Dinge, durch die ein Mensch sein Gedächtnis vervollkommnet. Erstens, wenn ein Mensch sich an eine Sache erinnern will, sollte er ein passendes, aber etwas ungewöhnliches Bild davon nehmen, da das Ungewöhnliche uns mehr auffällt und so einen größeren und stärkeren Eindruck im Geist hinterlässt; und dies erklärt, warum wir uns besser an das erinnern, was wir als Kinder gesehen haben. Der Grund für die Notwendigkeit, diese Bilder oder Gleichnisse zu finden, liegt darin, dass einfache und geistige Eindrücke leicht aus dem Geist entgleiten, wenn sie nicht gleichsam an ein körperliches Bild gebunden sind, weil die menschliche Erkenntnis einen stärkeren Halt an sinnlichen Objekten hat. Aus diesem Grund wird das Gedächtnis dem sinnlichen Teil der Seele zugeordnet. Zweitens muss der Mensch alles, was er im Gedächtnis behalten will, sorgfältig erwägen und in eine Ordnung bringen, damit er leicht von einer Erinnerung zur anderen übergehen kann. Daher sagt der Philosoph (De Memor. et Remin. ii): „Manchmal bringt uns ein Ort Erinnerungen zurück: der Grund ist, dass wir schnell von dem einen zum anderen übergehen.“ Drittens müssen wir besorgt und ernsthaft bezüglich der Dinge sein, die wir uns merken wollen, denn je mehr eine Sache dem Geist eingeprägt wird, desto weniger läuft sie Gefahr, ihm zu entgleiten. Weshalb Cicero in seiner Rhetorik [*Ad Herenn. de Arte Rhet. iii.] sagt, dass „Sorgfalt die Figuren der Bilder unversehrt bewahrt.“ Viertens sollten wir oft über die Dinge nachdenken, an die wir uns erinnern wollen. Daher sagt der Philosoph (De Memoria i), dass „Nachdenken Erinnerungen bewahrt“, denn wie er bemerkt (De Memoria ii), ist „Gewohnheit eine zweite Natur“: weshalb wir, wenn wir häufig über eine Sache nachdenken, sie uns schnell ins Gedächtnis rufen, indem wir durch eine Art natürlicher Ordnung von einer Sache zur anderen übergehen.
Antwort auf Einwand 3: Es geziemt uns, gleichsam aus der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen; weshalb die Erinnerung an die Vergangenheit notwendig ist, um guten Rat für die Zukunft zu fassen.