II-II, q. 44 a. 7
Ob das Gebot der Nächstenliebe passend ausgedrückt ist?
Quaestio 44 · Von den Geboten der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass das Gebot der Nächstenliebe unpassend ausgedrückt ist. Denn die Liebe der Caritas erstreckt sich auf alle Menschen, sogar auf unsere Feinde, wie in Mt 5,44 zu sehen ist. Aber das Wort „Nächster“ bezeichnet eine Art „Nähe“, die nicht zu allen Menschen zu bestehen scheint. Deshalb scheint es, dass dieses Gebot unpassend ausgedrückt ist.
Einwand 2: Ferner liegt gemäß dem Philosophen (Ethic. ix, 8) „der Ursprung unserer freundschaftlichen Beziehungen zu anderen in unserer Beziehung zu uns selbst“, woraus zu folgen scheint, dass die Selbstliebe der Ursprung der Liebe zum Nächsten ist. Nun ist das Prinzip größer als das, was daraus resultiert. Deshalb sollte der Mensch seinen Nächsten nicht wie sich selbst lieben.
Einwand 3: Ferner liebt der Mensch sich selbst, aber nicht seinen Nächsten, von Natur aus. Deshalb ist es unpassend, dass ihm geboten wird, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Mt 22,39): „Das zweite“ Gebot „ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Ich antworte darauf: Dieses Gebot ist passend ausgedrückt, denn es zeigt sowohl den Grund für das Lieben als auch den Modus der Liebe an. Der Grund für das Lieben wird im Wort „Nächster“ angezeigt, denn der Grund, warum wir andere aus Liebe lieben sollen, ist, weil sie uns nahe sind, sowohl hinsichtlich des natürlichen Ebenbildes Gottes als auch hinsichtlich der Fähigkeit zur Herrlichkeit. Und es spielt keine Rolle, ob wir „Nächster“ sagen oder „Bruder“ gemäß 1 Joh 4,21 oder „Freund“ gemäß Lev 19,18, weil alle diese Worte dieselbe Verwandtschaft ausdrücken.
Der Modus der Liebe wird in den Worten „wie dich selbst“ angezeigt. Dies bedeutet nicht, dass ein Mensch seinen Nächsten gleichermaßen wie sich selbst lieben muss, sondern auf gleiche Weise wie sich selbst, und dies in dreifacher Hinsicht. Erstens hinsichtlich des Zieles, nämlich dass er seinen Nächsten um Gottes willen lieben soll, so wie er sich selbst um Gottes willen liebt, so dass seine Liebe zum Nächsten eine „heilige“ Liebe ist. Zweitens hinsichtlich der Regel der Liebe, nämlich dass ein Mensch seinem Nächsten nicht im Bösen nachgeben soll, sondern nur in guten Dingen, so wie er seinem Willen nur in guten Dingen willfahren soll, so dass seine Liebe zum Nächsten eine „gerechte“ Liebe sei. Drittens hinsichtlich des Grundes für das Lieben, nämlich dass ein Mensch seinen Nächsten nicht zu seinem eigenen Nutzen oder Vergnügen lieben soll, sondern in dem Sinne, dass er seinem Nächsten Gutes wünscht, so wie er sich selbst Gutes wünscht, so dass seine Liebe zum Nächsten eine „wahre“ Liebe sei: denn wenn ein Mensch seinen Nächsten zu seinem eigenen Nutzen oder Vergnügen liebt, liebt er seinen Nächsten nicht wahrhaftig, sondern liebt sich selbst.
Dies genügt für die Antworten auf die Einwände.