II-II, q. 44 a. 1
Ob über die Liebe ein Gebot gegeben werden muss?
Quaestio 44 · Von den Geboten der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass kein Gebot über die Liebe gegeben werden sollte. Denn die Liebe erlegt allen Tugendakten das Maß auf, da sie die Form der Tugenden ist, wie oben dargelegt wurde (Quaestio 23, Artikel 8), während die Gebote sich auf die Tugenden selbst beziehen. Nun ist nach dem allgemeinen Sprichwort der Modus nicht im Gebot eingeschlossen. Deshalb sollten keine Gebote über die Liebe gegeben werden.
Einwand 2: Ferner macht die Liebe, die „ausgegossen ist in unsere Herzen durch den Heiligen Geist“ (Röm 5,5), uns frei, denn „wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3,17). Die Verpflichtung, die aus einem Gebot erwächst, steht aber der Freiheit entgegen, da sie eine Notwendigkeit auferlegt. Deshalb sollte kein Gebot über die Liebe gegeben werden.
Einwand 3: Ferner ist die Liebe die vornehmste unter allen Tugenden, auf welche die Gebote hingeordnet sind, wie oben gezeigt wurde (I-II, Quaestio 90, Artikel 2; I-II, Quaestio 100, Artikel 9). Wenn also irgendwelche Gebote über die Liebe gegeben würden, müssten sie einen Platz unter den Hauptgeboten haben, welche die des Dekalogs sind. Aber sie haben dort keinen Platz. Deshalb sollten keine Gebote über die Liebe gegeben werden.
Dagegen spricht: Alles, was Gott von uns fordert, ist in einem Gebot eingeschlossen. Nun fordert Gott, dass der Mensch Ihn liebt, gemäß Dtn 10,12. Deshalb war es notwendig, dass Gebote über die Liebe der Caritas, welche die Liebe zu Gott ist, gegeben wurden.
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt wurde (Quaestio 16, Artikel 1; I-II, Quaestio 99, Artikel 1), schließt ein Gebot den Begriff des Geschuldeten ein. Daher ist eine Sache Gegenstand eines Gebotes, insofern sie etwas Geschuldetes ist. Nun ist eine Sache auf zweifache Weise geschuldet: um ihrer selbst willen und um einer anderen Sache willen. In jeder Angelegenheit ist das Ziel um seiner selbst willen geschuldet, weil es den Charakter eines Gutes um seiner selbst willen hat; was aber auf das Ziel hingeordnet ist, ist um einer anderen Sache willen geschuldet. So ist es für einen Arzt um seiner selbst willen geschuldet, dass er heilt, während es um einer anderen Sache willen geschuldet ist, dass er eine Medizin gibt, um zu heilen. Nun ist das Ziel des geistlichen Lebens, dass der Mensch mit Gott vereinigt werde, und diese Vereinigung wird durch die Liebe bewirkt, während alle Dinge, die zum geistlichen Leben gehören, auf diese Vereinigung als auf ihr Ziel hingeordnet sind. Daher sagt der Apostel (1 Tim 1,5): „Das Endziel des Gebotes ist die Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.“ Denn alle Tugenden, über deren Akte die Gebote gegeben sind, sind entweder darauf gerichtet, das Herz vom Wirbel der Leidenschaften zu befreien – dies sind die Tugenden, die die Leidenschaften regeln – oder zumindest auf den Besitz eines guten Gewissens – dies sind die Tugenden, die die Handlungen regeln – oder auf den Besitz eines rechten Glaubens – dies sind jene, die sich auf die Verehrung Gottes beziehen. Und diese drei Dinge werden vom Menschen gefordert, damit er Gott lieben kann. Denn ein unreines Herz wird von der Liebe zu Gott abgezogen aufgrund der Leidenschaft, die es zu irdischen Dingen hinneigt; ein böses Gewissen flößt dem Menschen Abscheu vor Gottes Gerechtigkeit ein, aus Furcht vor seinen Strafen; und ein unwahrer Glaube zieht die Zuneigung des Menschen zu einer unwahren Vorstellung von Gott und trennt ihn von der Wahrheit Gottes. Nun hat in jeder Gattung das, was um seiner selbst willen ist, Vorrang vor dem, was um eines anderen willen ist, weshalb das größte Gebot das der Liebe ist, wie in Mt 22,39 gesagt wird.
Antwort auf Einwand 1: Wie oben gesagt wurde (I-II, Quaestio 100, Artikel 10), als wir die Gebote behandelten, fällt der Modus der Liebe nicht unter jene Gebote, die sich auf die anderen Tugendakte beziehen: Zum Beispiel schreibt dieses Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ nicht vor, dass dies aus Liebe geschehen soll. Der Akt der Liebe fällt jedoch unter besondere Gebote.
Antwort auf Einwand 2: Die Verpflichtung eines Gebotes steht der Freiheit nicht entgegen, außer bei demjenigen, dessen Sinn von dem abgewandt ist, was vorgeschrieben wird, wie man bei denen sehen kann, die die Gebote allein aus Furcht halten. Aber das Gebot der Liebe kann nur aus eigenem Willen erfüllt werden, weshalb es der Liebe nicht entgegensteht.
Antwort auf Einwand 3: Alle Gebote des Dekalogs sind auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten hingeordnet: und deshalb mussten die Gebote der Liebe nicht unter den Geboten des Dekalogs aufgezählt werden, da sie in allen von ihnen enthalten sind.