II-II, q. 44 a. 6
Ob es möglich ist, dieses Gebot der Gottesliebe in diesem Leben zu erfüllen?
Quaestio 44 · Von den Geboten der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass es in diesem Leben möglich ist, dieses Gebot der Gottesliebe zu erfüllen. Denn gemäß Hieronymus [*Pelagius, Exposit. Cath. Fid.] ist „verflucht, wer sagt, dass Gott etwas Unmögliches geboten hat“. Aber Gott gab dieses Gebot, wie aus Dtn 6,5 klar ist. Deshalb ist es möglich, dieses Gebot in diesem Leben zu erfüllen.
Einwand 2: Ferner sündigt jeder schwer, der ein Gebot nicht erfüllt, da gemäß Ambrosius (De Parad. viii) Sünde nichts anderes ist als „eine Übertretung des göttlichen Gesetzes und Ungehorsam gegenüber den himmlischen Geboten“. Wenn daher dieses Gebot von Pilgern nicht erfüllt werden kann, folgt daraus, dass in diesem Leben kein Mensch ohne Todsünde sein kann, und dies ist gegen das Wort des Apostels (1 Kor 1,8): „(Der auch) euch festigen wird bis ans Ende ohne Verbrechen“, und (1 Tim 3,10): „Sie sollen dienen, wenn sie kein Verbrechen haben.“
Einwand 3: Ferner werden Gebote gegeben, um den Menschen auf dem Weg des Heils zu leiten, gemäß Ps 18,9: „Das Gebot des Herrn ist lichtvoll, die Augen erleuchtend.“ Nun ist es nutzlos, jemanden auf das Unmögliche hinzuweisen. Deshalb ist es nicht unmöglich, dieses Gebot in diesem Leben zu erfüllen.
Dagegen spricht: Augustinus sagt (De Perfect. Justit. viii): „In der Fülle der himmlischen Liebe wird dieses Gebot erfüllt werden: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben“, etc. Denn solange irgendeine fleischliche Begierde bleibt, die durch Enthaltsamkeit gezügelt werden kann, kann der Mensch Gott nicht aus ganzem Herzen lieben.
Ich antworte darauf: Ein Gebot kann auf zwei Arten erfüllt werden: vollkommen und unvollkommen. Ein Gebot wird vollkommen erfüllt, wenn das vom Urheber des Gebotes beabsichtigte Ziel erreicht wird; es wird jedoch erfüllt, wenn auch unvollkommen, wenn zwar das vom Urheber beabsichtigte Ziel nicht erreicht wird, aber dennoch von der Ordnung auf dieses Ziel hin nicht abgewichen wird. So wird, wenn der Befehlshaber einer Armee seinen Soldaten befiehlt zu kämpfen, sein Befehl vollkommen von denen befolgt, die kämpfen und den Feind besiegen, was die Absicht des Befehlshabers ist; doch wird er erfüllt, wenn auch unvollkommen, von denen, die kämpfen, ohne den Sieg zu erringen, vorausgesetzt, sie tun nichts gegen die militärische Disziplin. Nun beabsichtigt Gott mit diesem Gebot, dass der Mensch gänzlich mit Ihm vereinigt werde, und dies wird im Himmel verwirklicht werden, wenn Gott „alles in allem“ sein wird, gemäß 1 Kor 15,28. Daher wird dieses Gebot im Himmel voll und vollkommen beobachtet werden; doch wird es auf dem Weg erfüllt, wenn auch unvollkommen. Dennoch wird es auf dem Weg ein Mensch vollkommener erfüllen als ein anderer, und umso mehr, je mehr er sich durch irgendeine Art von Ähnlichkeit der Vollkommenheit des Himmels nähert.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument beweist, dass das Gebot auf dem Weg auf eine gewisse Weise erfüllt werden kann, aber nicht vollkommen.
Antwort auf Einwand 2: So wie der Soldat, der rechtmäßig kämpft, ohne zu siegen, nicht getadelt wird noch verdient, dafür bestraft zu werden, so sündigt auch derjenige, der dieses Gebot auf dem Weg nicht erfüllt, aber nichts gegen die Liebe Gottes tut, nicht schwer.
Antwort auf Einwand 3: Wie Augustinus sagt (De Perfect. Justit. viii), „warum sollte diese Vollkommenheit dem Menschen nicht vorgeschrieben werden, obwohl kein Mensch sie in diesem Leben erreicht? Denn man kann nicht geradeaus laufen, wenn man nicht weiß, wohin man laufen soll. Und wie würde man dies wissen, wenn kein Gebot darauf hinwiese.“