II-II, q. 44 a. 4
Ob passenderweise geboten wird, dass der Mensch Gott aus ganzem Herzen liebt?
Quaestio 44 · Von den Geboten der Liebe
Einwand 1: Es scheint, dass unpassenderweise geboten wird, dass der Mensch Gott aus ganzem Herzen lieben soll. Denn der Modus eines tugendhaften Aktes ist nicht Gegenstand eines Gebotes, wie oben gezeigt wurde (Artikel 1, ad 1; I-II, Quaestio 100, Artikel 9). Nun bezeichnen die Worte „aus ganzem Herzen“ den Modus der Gottesliebe. Deshalb wird unpassenderweise geboten, dass der Mensch Gott aus ganzem Herzen lieben soll.
Einwand 2: Ferner: „Ein Ding ist ganz und vollkommen, wenn ihm nichts fehlt“ (Phys. iii, 6). Wenn es also Gegenstand eines Gebotes ist, dass Gott aus ganzem Herzen geliebt wird, handelt jeder, der etwas tut, das nicht zur Liebe Gottes gehört, gegen das Gebot und sündigt folglich schwer. Nun gehört eine lässliche Sünde nicht zur Liebe Gottes. Deshalb ist eine lässliche Sünde eine Todsünde, was absurd ist.
Einwand 3: Ferner gehört es zur Vollkommenheit, Gott aus ganzem Herzen zu lieben, da gemäß dem Philosophen (Phys. iii, text. 64) „ganz sein vollkommen sein bedeutet“. Aber das, was zur Vollkommenheit gehört, ist nicht Gegenstand eines Gebotes, sondern Gegenstand eines Rates. Deshalb sollten wir nicht angewiesen werden, Gott aus ganzem Herzen zu lieben.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Dtn 6,5): „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen.“
Ich antworte darauf: Da Gebote über Tugendakte gegeben werden, ist ein Akt Gegenstand eines Gebotes, insofern er ein Akt der Tugend ist. Nun ist es für einen Tugendakt erforderlich, dass er nicht nur auf seine eigene Materie fällt, sondern auch, dass er mit seinen geschuldeten Umständen ausgestattet ist, wodurch er jener Materie angepasst wird. Gott aber ist als das letzte Ziel zu lieben, auf das alle Dinge bezogen werden müssen. Deshalb musste irgendeine Art von Ganzheit in Verbindung mit dem Gebot der Gottesliebe angezeigt werden.
Antwort auf Einwand 1: Das Gebot, das einen Tugendakt vorschreibt, schreibt nicht den Modus vor, den jene Tugend von einer anderen und höheren Tugend ableitet, aber es schreibt den Modus vor, der zu ihrer eigenen eigentümlichen Tugend gehört, und dieser Modus wird in den Worten „aus deinem ganzen Herzen“ bezeichnet.
Antwort auf Einwand 2: Gott aus ganzem Herzen zu lieben, hat eine zweifache Bedeutung. Erstens aktuell, so dass das ganze Herz des Menschen immer aktuell auf Gott gerichtet ist: dies ist die Vollkommenheit des Himmels. Zweitens in dem Sinne, dass das ganze Herz des Menschen habituell auf Gott gerichtet ist, so dass es nichts zustimmt, was der Liebe Gottes entgegensteht, und dies ist die Vollkommenheit des Weges. Die lässliche Sünde steht dieser letzteren Vollkommenheit nicht entgegen, weil sie den Habitus der Liebe nicht zerstört, da sie nicht zu einem entgegengesetzten Objekt tendiert, sondern lediglich den Gebrauch der Liebe behindert.
Antwort auf Einwand 3: Jene Vollkommenheit der Liebe, auf welche die Räte gerichtet sind, liegt zwischen den zwei im vorhergehenden Antwort erwähnten Vollkommenheiten: und sie besteht darin, dass der Mensch so weit wie möglich auf zeitliche Dinge verzichtet, selbst auf solche, die erlaubt sind, weil sie den Geist beschäftigen und die aktuelle Bewegung des Herzens zu Gott hin behindern.