II-II, q. 4 a. 3
Ob die Liebe (Caritas) die Form des Glaubens ist?
Quaestio 4 · Von der Tugend des Glaubens selbst
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht die Form des Glaubens ist. Denn jedes Ding leitet seine Spezies von seiner Form ab. Wenn daher zwei Dinge entgegengesetzte Glieder einer Einteilung sind, kann das eine nicht die Form des anderen sein. Nun werden Glaube und Liebe als entgegengesetzte Glieder einer Einteilung genannt, als verschiedene Spezies der Tugend (1 Kor 13,13). Daher ist die Liebe nicht die Form des Glaubens.
Einwand 2: Ferner sind eine Form und das Ding, dessen Form sie ist, in einem Subjekt, da sie zusammen ein Einfaches bilden. Nun ist der Glaube im Intellekt, während die Liebe im Willen ist. Daher ist die Liebe nicht die Form des Glaubens.
Einwand 3: Ferner ist die Form eines Dinges ein Prinzip desselben. Nun scheint eher der Gehorsam als die Liebe das Prinzip des Glaubens auf Seiten des Willens zu sein, gemäß Röm 1,5: „Zum Gehorsam des Glaubens unter allen Völkern.“ Daher ist eher der Gehorsam als die Liebe die Form des Glaubens.
Dagegen spricht, dass jedes Ding durch seine Form wirkt. Nun wirkt der Glaube durch die Liebe. Daher ist die Liebe der Caritas die Form des Glaubens.
Ich antworte darauf, dass, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (FS, Frage [1], Artikel [3]; FS, Frage [18], Artikel [6]), freiwillige Akte ihre Spezies von ihrem Ziel nehmen, welches das Objekt des Willens ist. Nun ist dasjenige, was einem Ding seine Spezies gibt, nach der Art einer Form in den natürlichen Dingen. Weshalb die Form eines jeden freiwilligen Aktes in gewisser Weise das Ziel ist, auf das dieser Akt gerichtet ist, sowohl weil er seine Spezies davon nimmt, als auch weil die Art und Weise einer Handlung dem Ziel proportional entsprechen sollte. Nun ist aus dem Gesagten (Artikel [1]) ersichtlich, dass der Akt des Glaubens auf das Objekt des Willens, d. h. das Gute, als auf sein Ziel gerichtet ist: und dieses Gute, welches das Ziel des Glaubens ist, nämlich das göttliche Gut, ist das eigentliche Objekt der Liebe. Daher wird die Liebe die Form des Glaubens genannt, insofern der Akt des Glaubens durch die Liebe vervollkommnet und geformt wird.
Antwort auf Einwand 1: Die Liebe wird die Form des Glaubens genannt, weil sie den Akt des Glaubens belebt. Nun hindert nichts daran, dass ein Akt durch verschiedene Habitus belebt wird, so dass er in einer gewissen Ordnung auf verschiedene Spezies zurückgeführt wird, wie oben dargelegt (FS, Frage [18], Artikel [6],7; FS, Frage [61], Artikel [2]), als wir über die menschlichen Handlungen im Allgemeinen handelten.
Antwort auf Einwand 2: Dieser Einwand gilt für eine innere Form. Aber nicht so ist die Liebe die Form des Glaubens, sondern in dem Sinne, dass sie den Akt des Glaubens belebt, wie oben erklärt.
Antwort auf Einwand 3: Auch der Gehorsam, und ebenso die Hoffnung, und welche andere Tugend auch immer dem Akt des Glaubens vorausgehen mag, wird durch die Liebe belebt, wie wir weiter unten zeigen werden (Frage [23], Artikel [8]), und folglich wird von der Liebe als der Form des Glaubens gesprochen.