II-II, q. 33 a. 1
Ob die brüderliche Zurechtweisung ein Akt der Liebe ist?
Quaestio 33 · Von der brüderlichen Zurechtweisung
Einwand 1: Es scheint, dass die brüderliche Zurechtweisung kein Akt der Liebe ist. Denn eine Glosse zu Mt 18,15: „Wenn dein Bruder gegen dich sündigt“, besagt, dass „ein Mensch seinen Bruder aus Eifer für die Gerechtigkeit zurechtweisen soll“. Die Gerechtigkeit ist aber eine von der Liebe verschiedene Tugend. Daher ist die brüderliche Zurechtweisung kein Akt der Liebe, sondern der Gerechtigkeit.
Einwand 2: Ferner geschieht die brüderliche Zurechtweisung durch geheime Ermahnung. Nun ist die Ermahnung eine Art Rat, was ein Akt der Klugheit ist, denn ein kluger Mann ist einer, der guten Rat zu geben weiß (Ethic. vi, 5). Daher ist die brüderliche Zurechtweisung kein Akt der Liebe, sondern der Klugheit.
Einwand 3: Ferner gehören gegensätzliche Handlungen nicht zur selben Tugend. Nun ist es ein Akt der Liebe, einen Sünder zu ertragen, gemäß Gal 6,2: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“, welches das Gesetz der Liebe ist. Daher scheint es, dass die Zurechtweisung eines sündigenden Bruders, die dem Ertragen entgegengesetzt ist, kein Akt der Liebe ist.
Dagegen spricht: Den Übeltäter zurechtzuweisen ist ein geistliches Almosen. Almosen aber sind Werke der Liebe, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [32], Artikel [1]). Daher ist die brüderliche Zurechtweisung ein Akt der Liebe.
Ich antworte darauf: Die Zurechtweisung des Übeltäters ist ein Heilmittel, das gegen die Sünde eines Menschen angewendet werden sollte. Nun kann die Sünde eines Menschen auf zwei Arten betrachtet werden: erstens, insofern sie dem Sünder schädlich ist; zweitens, insofern sie zum Schaden anderer beiträgt, indem sie diese verletzt oder ihnen Ärgernis gibt, oder indem sie dem Gemeinwohl schadet, dessen Gerechtigkeit durch die Sünde jenes Menschen gestört wird.
Folglich ist die Zurechtweisung eines Übeltäters zweifach. Die eine wendet ein Heilmittel gegen die Sünde an, betrachtet als ein Übel des Sünders selbst. Dies ist die brüderliche Zurechtweisung im eigentlichen Sinne, die auf die Besserung des Sünders gerichtet ist. Nun ist die Beseitigung des Übels von jemandem dasselbe wie die Verschaffung seines Guten: und jemandem Gutes zu verschaffen ist ein Akt der Liebe, durch den wir unserem Freund Gutes wünschen und tun. Folglich ist auch die brüderliche Zurechtweisung ein Akt der Liebe, weil wir dadurch das Übel unseres Bruders, nämlich die Sünde, vertreiben; deren Beseitigung gehört mehr zur Liebe als die Beseitigung eines äußeren Verlustes oder eines körperlichen Schadens, insofern das entgegengesetzte Gut der Tugend der Liebe näher steht als das Gut des Leibes oder äußerer Dinge. Daher ist die brüderliche Zurechtweisung eher ein Akt der Liebe als die Heilung einer körperlichen Krankheit oder die Linderung einer äußeren körperlichen Not. Es gibt eine andere Zurechtweisung, die ein Heilmittel gegen die Sünde des Übeltäters anwendet, betrachtet als schädlich für andere und besonders für das Gemeinwohl. Diese Zurechtweisung ist ein Akt der Gerechtigkeit, deren Aufgabe es ist, die Richtigkeit der Gerechtigkeit zwischen einem Menschen und einem anderen zu wahren.
Antwort auf Einwand 1: Diese Glosse spricht von der zweiten Art der Zurechtweisung, die ein Akt der Gerechtigkeit ist. Oder wenn sie von der ersten Zurechtweisung spricht, dann fasst sie Gerechtigkeit als eine allgemeine Tugend auf, wie wir weiter unten darlegen werden (Quaestio [58], Artikel [5]), in welchem Sinne wiederum jede „Sünde Ungerechtigkeit ist“ (1 Joh 3,4), da sie der Gerechtigkeit entgegengesetzt ist.
Antwort auf Einwand 2: Nach dem Philosophen (Ethic. vi, 12) regelt die Klugheit alles, was auf das Ziel ausgerichtet ist, worüber sich Rat und Wahl erstrecken. Dennoch, wenn wir, geleitet von der Klugheit, eine Handlung richtig ausführen, die auf das Ziel einer Tugend ausgerichtet ist, wie etwa der Mäßigung oder der Tapferkeit, so gehört diese Handlung hauptsächlich zu der Tugend, auf deren Ziel sie ausgerichtet ist. Da also die Ermahnung, die in der brüderlichen Zurechtweisung gegeben wird, auf die Beseitigung der Sünde eines Bruders gerichtet ist, welche Beseitigung zur Liebe gehört, ist es offensichtlich, dass diese Ermahnung hauptsächlich ein Akt der Liebe ist, welche Tugend sie sozusagen befiehlt, aber sekundär ein Akt der Klugheit, welche die Handlung ausführt und lenkt.
Antwort auf Einwand 3: Die brüderliche Zurechtweisung steht nicht im Gegensatz zur Geduld mit den Schwachen, im Gegenteil, sie resultiert daraus. Denn ein Mensch erträgt einen Sünder, insofern er sich nicht gegen ihn aufregt und sein Wohlwollen ihm gegenüber bewahrt: was zur Folge hat, dass er danach strebt, ihn dazu zu bringen, es besser zu machen.