II-II, q. 27 a. 8
Ist es verdienstlicher, den Nächsten zu lieben als Gott?
Quaestio 27 · Vom Hauptakt der Liebe, welcher das Lieben ist.
Einwand 1: Es scheint, dass es verdienstlicher ist, den Nächsten zu lieben als Gott. Denn das Verdienstlichere scheint das zu sein, was der Apostel vorzog. Nun zog der Apostel die Liebe zu unserem Nächsten der Liebe zu Gott vor, gemäß Röm 9,3: „Ich wünschte, selbst verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder.“ Also ist es verdienstlicher, den Nächsten zu lieben als Gott.
Einwand 2: Ferner scheint es in gewissem Sinne weniger verdienstlich zu sein, seinen Freund zu lieben, wie oben dargelegt (Artikel [7]). Nun ist Gott unser wichtigster Freund, da „Er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,10). Also scheint es weniger verdienstlich zu sein, Gott zu lieben.
Einwand 3: Ferner scheint alles, was schwieriger ist, tugendhafter und verdienstlicher zu sein, da „Tugend sich auf das bezieht, was schwierig und gut ist“ (Ethic. ii, 3). Nun ist es leichter, Gott zu lieben als den Nächsten, sowohl weil alle Dinge Gott von Natur aus lieben, als auch weil es nichts Unliebenswertes in Gott gibt, und dies kann vom Nächsten nicht gesagt werden. Also ist es verdienstlicher, den Nächsten zu lieben als Gott.
Dagegen spricht, Das, weswegen eine Sache so ist, ist es selbst noch mehr. Nun ist die Liebe zum Nächsten nicht verdienstlich, außer aufgrund dessen, dass er um Gottes willen geliebt wird. Also ist die Liebe zu Gott verdienstlicher als die Liebe zu unserem Nächsten.
Ich antworte darauf, Dieser Vergleich kann auf zweifache Weise vorgenommen werden. Erstens, indem man beide Lieben getrennt betrachtet: und dann ist ohne Zweifel die Liebe zu Gott verdienstlicher, weil ihr um ihrer selbst willen ein Lohn gebührt, da der letzte Lohn der Genuss Gottes ist, zu Dem die Bewegung der göttlichen Liebe strebt: daher wird dem, der Gott liebt, ein Lohn verheißen (Joh 14,21): „Wer mich liebt, wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde... mich ihm offenbaren.“ Zweitens kann der Vergleich so verstanden werden, dass er zwischen der Liebe zu Gott allein auf der einen Seite und der Liebe zum Nächsten um Gottes willen auf der anderen Seite stattfindet. Auf diese Weise schließt die Liebe zum Nächsten die Liebe zu Gott ein, während die Liebe zu Gott nicht die Liebe zum Nächsten einschließt. Daher wird der Vergleich zwischen der vollkommenen Liebe zu Gott, die sich auch auf unseren Nächsten erstreckt, und der unzulänglichen und unvollkommenen Liebe zu Gott sein, denn „dieses Gebot haben wir von Gott, dass der, welcher Gott liebt, auch seinen Bruder liebe“ (1 Joh 4,21).
Antwort auf Einwand 1: Gemäß einer Glosse wünschte der Apostel dies nicht, nämlich von Christus getrennt zu sein für seine Brüder, als er im Stand der Gnade war, sondern hatte es früher gewünscht, als er im Stand des Unglaubens war, so dass wir ihn in dieser Hinsicht nicht nachahmen sollten.
Wir können auch mit Chrysostomus (De Compunct. i, 8) antworten, dass dies nicht beweist, dass der Apostel seinen Nächsten mehr liebte als Gott, sondern dass er Gott mehr liebte als sich selbst. Denn er wünschte, für eine Zeit des göttlichen Genusses beraubt zu sein, der zur Selbstliebe gehört, damit Gott in seinem Nächsten geehrt werde, was zur Liebe Gottes gehört.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe eines Menschen zu seinen Freunden ist manchmal insofern weniger verdienstlich, als er sie um ihrer selbst willen liebt, so dass er hinter dem wahren Grund für die Freundschaft der Liebe (Caritas), welcher Gott ist, zurückbleibt. Dass Gott also um Seiner selbst willen geliebt wird, vermindert nicht das Verdienst, sondern ist der ganze Grund für das Verdienst.
Antwort auf Einwand 3: Das „Gute“ hat mehr als das „Schwierige“ mit dem Grund des Verdienstes und der Tugend zu tun. Daher folgt nicht, dass alles, was schwieriger ist, verdienstlicher ist, sondern nur das, was schwieriger und zugleich besser ist.