II-II, q. 27 a. 2
Ist das Lieben, als Akt der Liebe betrachtet, dasselbe wie das Wohlwollen?
Quaestio 27 · Vom Hauptakt der Liebe, welcher das Lieben ist.
Einwand 1: Es scheint, dass das Lieben, als Akt der Liebe betrachtet, nichts anderes ist als Wohlwollen. Denn der Philosoph sagt (Rhet. ii, 4), dass „lieben heißt, jemandem Gutes zu wünschen“; und dies ist Wohlwollen. Also ist der Akt der Liebe nichts als Wohlwollen.
Einwand 2: Ferner gehört der Akt demselben Subjekt an wie der Habitus. Nun ist der Habitus der Liebe in der Kraft des Willens, wie oben dargelegt (Frage [24], Artikel [1]). Also ist der Akt der Liebe auch ein Akt des Willens. Er strebt aber nur zum Guten, und dies ist Wohlwollen. Also ist der Akt der Liebe nichts anderes als Wohlwollen.
Einwand 3: Ferner zählt der Philosoph fünf Dinge auf, die zur Freundschaft gehören (Ethic. ix, 4), von denen das erste ist, dass ein Mensch seinem Freund Gutes wünschen soll; das zweite, dass er ihm wünschen soll, zu sein und zu leben; das dritte, dass er an dessen Gesellschaft Freude haben soll; das vierte, dass er dieselben Dinge wählen soll; das fünfte, dass er mit ihm trauern und sich freuen soll. Nun gehören die ersten beiden zum Wohlwollen. Also ist das Wohlwollen der erste Akt der Liebe.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. ix, 5), dass „Wohlwollen weder Freundschaft noch Liebe ist, sondern der Anfang der Freundschaft.“ Nun ist die Liebe (Caritas) Freundschaft, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [1]). Also ist Wohlwollen nicht dasselbe wie das Lieben, betrachtet als ein Akt der Liebe.
Ich antworte darauf, Wohlwollen ist eigentlich jener Akt des Willens, durch den wir einem anderen Gutes wünschen. Nun unterscheidet sich dieser Akt des Willens von der eigentlichen Liebe, betrachtet nicht nur als im sinnlichen Begehrungsvermögen seiend, sondern auch als im intellektiven Begehrungsvermögen oder Willen seiend. Denn die Liebe, die im sinnlichen Begehrungsvermögen ist, ist eine Leidenschaft. Nun sucht jede Leidenschaft ihr Objekt mit einem gewissen Ungestüm. Und die Leidenschaft der Liebe wird nicht plötzlich erweckt, sondern entsteht aus einer ernsthaften Betrachtung des geliebten Objekts; weshalb der Philosoph, indem er den Unterschied zwischen Wohlwollen und der Liebe, die eine Leidenschaft ist, aufzeigt, sagt (Ethic. ix, 5), dass Wohlwollen kein Ungestüm oder Verlangen impliziert, das heißt, keine eifrige Neigung hat, weil ein Mensch einem anderen allein durch das Urteil seiner Vernunft Gutes wünscht. Wiederum entsteht eine solche Liebe aus vorheriger Bekanntschaft, während Wohlwollen manchmal plötzlich entsteht, wie es uns geschieht, wenn wir einem Faustkampf zusehen und wünschen, dass einer der Boxer gewinnt. Aber die Liebe, die im intellektiven Begehrungsvermögen ist, unterscheidet sich auch vom Wohlwollen, weil sie eine gewisse Vereinigung der Neigungen zwischen dem Liebenden und dem Geliebten bezeichnet, insofern der Liebende den Geliebten als etwas mit ihm Verbundenes oder zu ihm Gehöriges erachtet und so zu ihm hinstrebt. Andererseits ist Wohlwollen ein einfacher Akt des Willens, durch den wir einer Person Gutes wünschen, auch ohne die besagte Vereinigung der Neigungen mit ihr vorauszusetzen. Dementsprechend schließt das Lieben, als Akt der Liebe betrachtet, Wohlwollen ein, aber eine solche Zuneigung oder Liebe fügt die Vereinigung der Neigungen hinzu, weshalb der Philosoph sagt (Ethic. ix, 5), dass „Wohlwollen ein Anfang der Freundschaft ist.“
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph beschreibt, indem er „lieben“ so definiert, es nicht vollständig, sondern erwähnt nur jenen Teil seiner Definition, in dem sich der Akt der Liebe hauptsächlich manifestiert.
Antwort auf Einwand 2: Lieben ist zwar ein Akt des Willens, der zum Guten strebt, aber er fügt eine gewisse Vereinigung mit dem Geliebten hinzu, welche Vereinigung durch das Wohlwollen nicht bezeichnet wird.
Antwort auf Einwand 3: Diese vom Philosophen erwähnten Dinge gehören zur Freundschaft, weil sie aus der Liebe eines Menschen zu sich selbst entstehen, wie er an derselben Stelle sagt, insofern ein Mensch all diese Dinge in Bezug auf seinen Freund tut, so wie er sie sich selbst gegenüber tut: und dies gehört zu der besagten Vereinigung der Neigungen.