II-II, q. 27 a. 1
Ist das Geliebtwerden der Liebe eigentümlicher als das Lieben?
Quaestio 27 · Vom Hauptakt der Liebe, welcher das Lieben ist.
Einwand 1: Es scheint, dass der Liebe das Geliebtwerden eigentümlicher ist als das Lieben. Denn die bessere Liebe findet sich in denen, die selbst besser sind. Diejenigen aber, die besser sind, sollten mehr geliebt werden. Also ist das Geliebtwerden der Liebe eigentümlicher.
Einwand 2: Ferner scheint das, was sich in mehr Subjekten findet, der Natur gemäßer und aus diesem Grund besser zu sein. Nun wollen, wie der Philosoph sagt (Ethic. viii, 8), „viele lieber geliebt werden als lieben, und deshalb gibt es viele Schmeichler.“ Also ist es besser, geliebt zu werden als zu lieben, und folglich entspricht dies mehr der Liebe.
Einwand 3: Ferner ist „die Ursache dafür, dass etwas so ist, selbst noch mehr so“. Nun lieben die Menschen, weil sie geliebt werden; denn Augustinus sagt (De Catech. Rud. iv), dass „nichts einen anderen mehr dazu anspornt, dich zu lieben, als dass du ihn zuerst liebst.“ Daher besteht die Liebe eher im Geliebtwerden als im Lieben.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sagt (Ethic. viii, 8), die Freundschaft bestehe eher im Lieben als im Geliebtwerden. Nun ist die Liebe (Caritas) eine Art Freundschaft. Also besteht sie eher im Lieben als im Geliebtwerden.
Ich antworte darauf, dass das Lieben der Liebe als Liebe zukommt. Denn da die Liebe eine Tugend ist, hat sie ihrem Wesen nach eine Neigung zu ihrem eigenen Akt. Nun ist das Geliebtwerden nicht der Akt der Liebe der geliebten Person; denn dieser Akt ist das Lieben: Das Geliebtwerden aber kommt ihr zu, insofern sie unter den allgemeinen Begriff des Guten fällt, insoweit ein anderer durch einen Akt der Liebe auf ihr Gut hingeordnet ist. Daher ist es klar, dass das Lieben der Liebe eigentümlicher ist als das Geliebtwerden: Denn das, was einer Sache aufgrund ihrer selbst und ihres Wesens zukommt, ist ihr eigentümlicher als das, was ihr aufgrund von etwas anderem zukommt. Dies kann auf zweifache Weise veranschaulicht werden. Erstens durch die Tatsache, dass Freunde mehr für das Lieben gelobt werden als für das Geliebtwerden; ja, wenn sie geliebt werden und doch nicht lieben, werden sie getadelt. Zweitens, weil eine Mutter, deren Liebe die größte ist, eher zu lieben sucht als geliebt zu werden: Denn „einige Frauen“, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. viii, 8), „vertrauen ihre Kinder einer Amme an; sie lieben sie zwar, suchen aber nicht, wiedergeliebt zu werden, wenn es sich trifft, dass sie nicht geliebt werden.“
Antwort auf Einwand 1: Ein besserer Mensch ist dadurch, dass er besser ist, liebenswerter; aber dadurch, dass er eine vollkommenere Liebe hat, liebt er mehr. Er liebt jedoch mehr im Verhältnis zu der Person, die er liebt. Denn ein besserer Mensch liebt das, was unter ihm steht, nicht weniger, als es geliebt werden sollte: wohingegen derjenige, der weniger gut ist, es versäumt, einen Besseren so sehr zu lieben, wie er geliebt werden sollte.
Antwort auf Einwand 2: Wie der Philosoph sagt (Ethic. viii, 8), „wollen die Menschen geliebt werden, insofern sie geehrt werden wollen.“ Denn so wie einem Menschen Ehre erwiesen wird, um Zeugnis von dem Guten abzulegen, das in ihm ist, so wird durch das Geliebtwerden gezeigt, dass ein Mensch etwas Gutes hat, da nur das Gute liebenswert ist. Dementsprechend suchen die Menschen, geliebt und geehrt zu werden, um einer anderen Sache willen, nämlich um das Gute bekannt zu machen, das in der geliebten Person ist. Andererseits suchen jene, welche die Liebe haben, zu lieben um des Liebens willen, als ob dies selbst das Gut der Liebe wäre, so wie der Akt jeder Tugend das Gut dieser Tugend ist. Daher ist es der Liebe eigentümlicher, lieben zu wollen, als geliebt werden zu wollen.
Antwort auf Einwand 3: Einige lieben aufgrund des Geliebtwerdens, nicht so, dass das Geliebtwerden das Ziel ihres Liebens wäre, sondern weil es eine Art Weg ist, der einen Menschen zum Lieben führt.