II-II, q. 27 a. 6
Muss beim Lieben Gottes ein Maß eingehalten werden?
Quaestio 27 · Vom Hauptakt der Liebe, welcher das Lieben ist.
Einwand 1: Es scheint, dass wir beim Lieben Gottes ein gewisses Maß einhalten sollten. Denn der Begriff des Guten besteht in Maß, Art und Ordnung, wie Augustinus feststellt (De Nat. Boni iii, iv). Nun ist die Liebe zu Gott das Beste im Menschen, gemäß Kol 3,14: „Über alles aber... zieht die Liebe an.“ Also sollte es ein Maß der Liebe zu Gott geben.
Einwand 2: Ferner sagt Augustinus (De Morib. Eccl. viii): „Ich bitte dich, sag mir, welches das Maß der Liebe ist. Denn ich fürchte, dass ich mehr oder weniger vor Verlangen und Liebe zu meinem Herrn brenne, als ich sollte.“ Aber es wäre nutzlos, das Maß der göttlichen Liebe zu suchen, wenn es keines gäbe. Also gibt es ein Maß der Liebe zu Gott.
Einwand 3: Ferner ist, wie Augustinus sagt (Gen. ad lit. iv, 3), „das Maß, das die Natur einem Ding bestimmt, seine Art (Modus).“ Nun ist das Maß des menschlichen Willens, wie auch der äußeren Handlung, die Vernunft. Daher ist es, so wie es für die Vernunft notwendig ist, der äußeren Wirkung der Liebe ein Maß zu bestimmen, gemäß Röm 12,1: „Euer vernünftiger Gottesdienst“, auch notwendig, dass die innere Liebe zu Gott ein Maß erfordert.
Dagegen spricht, Bernhard sagt (De Dilig. Deum 1), dass „Gott die Ursache unseres Liebens Gottes ist; das Maß ist, Ihn ohne Maß zu lieben.“
Ich antworte darauf, Wie aus den oben zitierten Worten des Augustinus (Einwand 3) hervorgeht, bezeichnet „Art“ (Modus) eine Bestimmung des Maßes; welche Bestimmung sowohl im Maß als auch im Gemessenen zu finden ist, aber nicht auf dieselbe Weise. Denn sie findet sich im Maß wesenhaft, weil ein Maß aus sich selbst heraus die bestimmende und modifizierende Regel anderer Dinge ist; wohingegen sie sich in den gemessenen Dingen relativ findet, das heißt, insofern sie das Maß erreichen. Daher kann es im Maß nichts Unmodifiziertes geben, wohingegen das Gemessene unmodifiziert ist, wenn es das Maß verfehlt, sei es durch Mangel oder durch Exzess.
Nun ist in allen Angelegenheiten des Begehrens und Handelns das Ziel das Maß, weil der eigentliche Grund für alles, was wir begehren oder tun, vom Ziel her genommen werden muss, wie der Philosoph beweist (Phys. ii, 9). Daher hat das Ziel eine Art (Modus) durch sich selbst, während die Mittel ihre Art daher nehmen, dass sie dem Ziel angemessen sind. Daher ist, gemäß dem Philosophen (Polit. i, 3), „in jeder Kunst das Verlangen nach dem Ziel endlos und unbegrenzt“, wohingegen es eine Grenze für die Mittel gibt: so setzt der Arzt der Gesundheit keine Grenzen, sondern macht sie so vollkommen, wie er nur kann; aber er setzt der Medizin eine Grenze, denn er gibt nicht so viel Medizin, wie er kann, sondern so viel, wie die Gesundheit verlangt, so dass, wenn er zu viel oder zu wenig gäbe, die Medizin unmäßig wäre.
Wiederum ist das Ziel aller menschlichen Handlungen und Neigungen die Liebe zu Gott, wodurch wir hauptsächlich unser letztes Ziel erreichen, wie oben dargelegt (Frage [23], Artikel [6]), weshalb das Maß in der Liebe zu Gott nicht wie in einem gemessenen Ding genommen werden darf, wo wir ein Zuviel oder Zuwenig finden, sondern wie im Maß selbst, wo es keinen Exzess geben kann und wo es umso besser ist, je mehr die Regel erreicht wird, so dass unsere Liebe umso besser ist, je mehr wir Gott lieben.
Antwort auf Einwand 1: Das, was durch sein Wesen so ist, hat Vorrang vor dem, was durch ein anderes so ist, weshalb die Güte des Maßes, das die Art wesenhaft hat, Vorrang vor der Güte des Gemessenen hat, das seine Art durch etwas anderes hat; und so steht auch die Liebe, die eine Art wie ein Maß hat, vor den anderen Tugenden, die eine Art dadurch haben, dass sie gemessen werden.
Antwort auf Einwand 2: Wie Augustinus an derselben Stelle hinzufügt, ist „das Maß unserer Liebe zu Gott, Ihn mit unserem ganzen Herzen zu lieben“, das heißt, Ihn so sehr zu lieben, wie Er geliebt werden kann, und dies gehört zu der Art, die dem Maß eigen ist.
Antwort auf Einwand 3: Eine Neigung, deren Objekt dem Urteil der Vernunft unterliegt, sollte durch die Vernunft gemessen werden. Aber das Objekt der göttlichen Liebe, welches Gott ist, übersteigt das Urteil der Vernunft, weshalb es nicht durch die Vernunft gemessen wird, sondern sie transzendiert. Auch besteht keine Gleichheit zwischen dem inneren Akt und den äußeren Akten der Liebe. Denn der innere Akt der Liebe hat den Charakter eines Ziels, da das letzte Gut des Menschen darin besteht, dass seine Seele Gott anhängt, gemäß Ps 72,28: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“; wohingegen die äußeren Akte wie Mittel zum Zweck sind und daher sowohl gemäß der Liebe als auch gemäß der Vernunft gemessen werden müssen.