II-II, q. 27 a. 4
Kann Gott in diesem Leben unmittelbar geliebt werden?
Quaestio 27 · Vom Hauptakt der Liebe, welcher das Lieben ist.
Einwand 1: Es scheint, dass Gott in diesem Leben nicht unmittelbar geliebt werden kann. Denn das „Unbekannte kann nicht geliebt werden“, wie Augustinus sagt (De Trin. x, 1). Nun erkennen wir Gott in diesem Leben nicht unmittelbar, da „wir jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort sehen“ (1 Kor 13,12). Daher lieben wir Ihn auch nicht unmittelbar.
Einwand 2: Ferner kann derjenige, der das Wenigere nicht tun kann, nicht das tun, was mehr ist. Nun ist es mehr, Gott zu lieben, als Ihn zu erkennen, da „wer Gott anhängt“ durch Liebe, „ein Geist mit Ihm ist“ (1 Kor 6,17). Aber der Mensch kann Gott nicht unmittelbar erkennen. Also kann er Ihn noch viel weniger unmittelbar lieben.
Einwand 3: Ferner ist der Mensch durch die Sünde von Gott getrennt, gemäß Jes 59,2: „Eure Missetaten haben eine Scheidung gemacht zwischen euch und eurem Gott.“ Nun ist die Sünde eher im Willen als im Verstand. Also ist der Mensch weniger fähig, Gott unmittelbar zu lieben, als Ihn unmittelbar zu erkennen.
Dagegen spricht, Die Erkenntnis Gottes wird, da sie mittelbar ist, „rätselhaft“ genannt und „hört auf“ im Himmel, wie in 1 Kor 13,12 gesagt wird. Aber die Liebe „hört niemals auf“, wie an derselben Stelle gesagt wird (1 Kor 13,8). Also hängt die Liebe des Pilgerstandes Gott unmittelbar an.
Ich antworte darauf, Wie oben dargelegt (FP, Frage [82], Artikel [3]; Frage [84], Artikel [7]), wird der Akt einer Erkenntniskraft dadurch vollendet, dass das Erkannte im Erkennenden ist, wohingegen der Akt einer Begehrungskraft darin besteht, dass das Begehren auf das Ding an sich geneigt ist. Daher folgt, dass die Bewegung der Begehrungskraft auf die Dinge gemäß ihrer eigenen Beschaffenheit geht, wohingegen der Akt einer Erkenntniskraft der Weise des Erkennenden folgt.
Nun ist an sich die Ordnung der Dinge derart, dass Gott um Seiner selbst willen erkennbar und liebenswert ist, da Er wesenhaft die Wahrheit und Güte selbst ist, wodurch andere Dinge erkannt und geliebt werden: aber in Bezug auf uns sind, da unsere Erkenntnis durch die Sinne abgeleitet wird, jene Dinge zuerst erkennbar, die unseren Sinnen näher sind, und das letzte Ziel der Erkenntnis ist das, was am weitesten von unseren Sinnen entfernt ist.
Dementsprechend müssen wir behaupten, dass das Lieben, welches ein Akt der Begehrungskraft ist, selbst in diesem Lebenszustand zuerst zu Gott strebt und von Ihm auf andere Dinge überfließt, und in diesem Sinne liebt die Liebe Gott unmittelbar und andere Dinge durch Gott. Andererseits verhält es sich in Bezug auf die Erkenntnis umgekehrt, da wir Gott durch andere Dinge erkennen, entweder als eine Ursache durch ihre Wirkungen oder im Wege der Überhöhung oder Verneinung, wie Dionysius feststellt (Div. Nom. i; vgl. FP, Frage [12], Artikel [12]).
Antwort auf Einwand 1: Obwohl das Unbekannte nicht geliebt werden kann, folgt daraus nicht, dass die Ordnung der Erkenntnis dieselbe ist wie die Ordnung der Liebe, da die Liebe das Ziel der Erkenntnis ist, und folglich kann die Liebe sofort dort beginnen, wo die Erkenntnis endet, nämlich in dem Ding selbst, das durch ein anderes Ding erkannt wird.
Antwort auf Einwand 2: Da Gott zu lieben etwas Größeres ist, als Ihn zu erkennen, besonders in diesem Lebenszustand, folgt daraus, dass die Liebe zu Gott die Erkenntnis Gottes voraussetzt. Und weil diese Erkenntnis nicht in den Geschöpfen ruht, sondern durch sie zu etwas anderem strebt, beginnt die Liebe dort und geht von dort in einer Art Kreisbewegung zu anderen Dingen weiter; denn die Erkenntnis beginnt bei den Geschöpfen, strebt zu Gott, und die Liebe beginnt bei Gott als dem letzten Ziel und geht auf die Geschöpfe über.
Antwort auf Einwand 3: Die Abwendung von Gott, die durch die Sünde bewirkt wird, wird durch die Liebe (Caritas) beseitigt, aber nicht durch die Erkenntnis allein: daher vereinigt die Liebe, indem sie Gott liebt, die Seele unmittelbar mit Ihm durch ein Band geistiger Vereinigung.