II-II, q. 23 a. 8
Ob die Liebe die Form der Tugenden ist?
Quaestio 23 · Von der Liebe an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe nicht die wahre Form der Tugenden ist. Denn die Form eines Dinges ist entweder exemplarisch oder wesenhaft. Nun ist die Liebe nicht die exemplarische Form der anderen Tugenden, da folgen würde, dass die anderen Tugenden von derselben Spezies wie die Liebe sind: noch ist sie die wesenhafte Form der anderen Tugenden, da sie dann nicht von ihnen verschieden wäre. Also ist sie in keiner Weise die Form der Tugenden.
Einwand 2: Ferner wird die Liebe mit den anderen Tugenden als ihre Wurzel und ihr Fundament verglichen, gemäß Eph 3,17: „In der Liebe verwurzelt und gegründet.“ Nun ist eine Wurzel oder ein Fundament nicht die Form, sondern eher die Materie eines Dinges, da es der erste Teil beim Entstehen ist. Also ist die Liebe nicht die Form der Tugenden.
Einwand 3: Ferner fallen formale, finale und effiziente Ursachen nicht zusammen (Phys. ii, 7). Nun wird die Liebe das Ziel und die Mutter der Tugenden genannt. Also sollte sie nicht ihre Form genannt werden.
Dagegen spricht, dass Ambrosius [*Lombardus, Sent. iii, D, 23] sagt, die Liebe sei die Form der Tugenden.
Ich antworte darauf, In der Moral wird die Form eines Aktes hauptsächlich vom Ziel genommen. Der Grund dafür ist, dass das Prinzip moralischer Akte der Wille ist, dessen Objekt und Form sozusagen das Ziel ist. Nun folgt die Form eines Aktes immer aus einer Form des Agens. Folglich muss in der Moral das, was einem Akt seine Hingeordnetheit auf das Ziel gibt, dem Akt notwendigerweise seine Form geben. Nun ist es offensichtlich, in Übereinstimmung mit dem, was gesagt wurde (Artikel [7]), dass es die Liebe ist, die die Akte aller anderen Tugenden auf das letzte Ziel richtet, und die folglich auch allen anderen Akten der Tugend die Form gibt: und genau in diesem Sinne wird die Liebe die Form der Tugenden genannt, denn diese werden Tugenden genannt in Beziehung auf „geformte“ Akte.
Antwort auf Einwand 1: Die Liebe wird die Form der anderen Tugenden genannt, nicht als sei sie ihre exemplarische oder ihre wesenhafte Form, sondern vielmehr nach Art einer Wirkursache, insofern sie allen die Form aufprägt, in der vorgenannten Weise.
Antwort auf Einwand 2: Die Liebe wird mit dem Fundament oder der Wurzel verglichen, insofern alle anderen Tugenden daraus ihren Unterhalt und ihre Nahrung ziehen, und nicht in dem Sinne, dass das Fundament und die Wurzel den Charakter einer Materialursache haben.
Antwort auf Einwand 3: Die Liebe wird das Ziel der anderen Tugenden genannt, weil sie alle anderen Tugenden auf ihr eigenes Ziel richtet. Und da eine Mutter eine ist, die in sich selbst und durch einen anderen empfängt, wird die Liebe die Mutter der anderen Tugenden genannt, weil sie, indem sie sie befiehlt, die Akte der anderen Tugenden durch das Verlangen nach dem letzten Ziel empfängt.