II-II, q. 23 a. 1
Ob die Liebe Freundschaft ist?
Quaestio 23 · Von der Liebe an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe keine Freundschaft ist. Denn nichts ist der Freundschaft so eigen wie das Zusammenleben mit dem Freund, wie der Philosoph sagt (Ethic. viii, 5). Die Liebe aber richtet sich vom Menschen auf Gott und die Engel, „deren Wohnung nicht bei den Menschen ist“ (Dan 2,11). Also ist die Liebe keine Freundschaft.
Einwand 2: Ferner gibt es keine Freundschaft ohne Gegenliebe (Ethic. viii, 2). Die Liebe aber erstreckt sich auch auf die Feinde, gemäß Mt 5,44: „Liebet eure Feinde.“ Also ist die Liebe keine Freundschaft.
Einwand 3: Ferner gibt es nach dem Philosophen (Ethic. viii, 3) drei Arten von Freundschaft, die jeweils auf das Angenehme, das Nützliche oder das Tugendhafte gerichtet sind. Die Liebe ist nun nicht Freundschaft um des Nützlichen oder Angenehmen willen; denn Hieronymus sagt in seinem Brief an Paulinus, der am Anfang der Bibel steht: „Jene ist die wahre, durch Christus gekittete Freundschaft, wo die Menschen nicht durch familiären Nutzen, nicht durch bloße körperliche Anwesenheit, nicht durch listige und schmeichelnde Schmeichelei, sondern durch die Furcht Gottes und das Studium der göttlichen Schriften zusammengeführt werden.“ Ebenso wenig ist sie Freundschaft um des Tugendhaften willen, da wir durch die Liebe auch die Sünder lieben, während die auf Tugend gegründete Freundschaft nur für tugendhafte Menschen gilt (Ethic. viii). Also ist die Liebe keine Freundschaft.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Joh 15,15): „Ich nenne euch nicht mehr Knechte ... sondern meine Freunde.“ Dies aber wurde zu ihnen aus keinem anderen Grund gesagt als wegen der Liebe. Also ist die Liebe Freundschaft.
Ich antworte darauf, dass nach dem Philosophen (Ethic. viii, 2,3) nicht jede Liebe den Charakter von Freundschaft hat, sondern nur jene Liebe, die mit Wohlwollen verbunden ist, wenn wir nämlich jemanden so lieben, dass wir ihm Gutes wünschen. Wenn wir jedoch dem, was wir lieben, nicht Gutes wünschen, sondern dessen Gut für uns selbst wünschen (so sagt man, dass wir Wein oder ein Pferd oder dergleichen lieben), so ist dies keine Liebe der Freundschaft, sondern eine Art der Begierde. Denn es wäre absurd zu sagen, man habe Freundschaft mit Wein oder einem Pferd.
Doch auch das Wohlwollen allein genügt nicht zur Freundschaft, sondern es ist eine gewisse gegenseitige Liebe erforderlich, da Freundschaft zwischen Freund und Freund besteht: und dieses Wohlwollen gründet sich auf eine Art von Gemeinschaft.
Da nun eine Gemeinschaft zwischen dem Menschen und Gott besteht, insofern Er uns Seine Glückseligkeit mitteilt, muss auf dieser Gemeinschaft eine Art Freundschaft beruhen, von der geschrieben steht (1 Kor 1,9): „Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes.“ Die Liebe, die auf dieser Gemeinschaft gründet, ist die Caritas (die göttliche Liebe): weshalb offensichtlich ist, dass die Liebe die Freundschaft des Menschen zu Gott ist.
Antwort auf Einwand 1: Das Leben des Menschen ist zweifach. Es gibt sein äußeres Leben hinsichtlich seiner sinnlichen und körperlichen Natur: und in Bezug auf dieses Leben gibt es keine Gemeinschaft oder keinen Umgang zwischen uns und Gott oder den Engeln. Das andere ist das geistige Leben des Menschen hinsichtlich seines Geistes, und in Bezug auf dieses Leben gibt es eine Gemeinschaft zwischen uns und sowohl Gott als auch den Engeln, wenngleich unvollkommen in diesem gegenwärtigen Lebenszustand, weshalb geschrieben steht (Phil 3,20): „Unser Wandel ist im Himmel.“ Dieser „Wandel“ aber wird im Himmel vollendet sein, wenn „Seine Knechte Ihm dienen und sie Sein Angesicht sehen werden“ (Offb 22,3.4). Daher ist die Liebe hier unvollkommen, wird aber im Himmel vollendet sein.
Antwort auf Einwand 2: Freundschaft erstreckt sich auf eine Person in zweifacher Weise: erstens in Bezug auf sie selbst, und in dieser Weise erstreckt sich die Freundschaft niemals auf andere als auf die Freunde; zweitens erstreckt sie sich auf jemanden in Bezug auf einen anderen, wie wenn ein Mensch Freundschaft zu einer bestimmten Person hat und um ihretwillen alle liebt, die zu ihr gehören, seien es Kinder, Diener oder irgendjemand, der mit ihr verbunden ist. In der Tat lieben wir unsere Freunde so sehr, dass wir um ihretwillen alle lieben, die zu ihnen gehören, selbst wenn sie uns verletzen oder hassen; so dass sich auf diese Weise die Freundschaft der Liebe auch auf unsere Feinde erstreckt, die wir aus Liebe in Beziehung zu Gott lieben, auf Den die Freundschaft der Liebe hauptsächlich gerichtet ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Freundschaft, die auf dem Tugendhaften gründet, ist auf niemanden als auf einen tugendhaften Menschen als Hauptperson gerichtet, aber um seinetwillen lieben wir jene, die zu ihm gehören, auch wenn sie nicht tugendhaft sind: In dieser Weise erstreckt sich die Liebe, die vor allem Freundschaft auf Basis des Tugendhaften ist, auf die Sünder, die wir aus Liebe um Gottes willen lieben.