II-II, q. 23 a. 3
Ob die Liebe eine Tugend ist?
Quaestio 23 · Von der Liebe an sich betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Liebe keine Tugend ist. Denn die Liebe ist eine Art Freundschaft. Nun rechnen die Philosophen die Freundschaft nicht zu den Tugenden, wie aus Ethic. viii, 1 entnommen werden kann; noch wird sie unter den moralischen oder intellektuellen Tugenden aufgezählt. Daher ist auch die Liebe keine Tugend.
Einwand 2: Ferner ist „Tugend die äußerste Grenze des Könnens“ (De Coelo et Mundo i, 11). Aber die Liebe ist nichts Äußerstes, dies trifft eher auf Freude und Frieden zu. Daher scheint es, dass die Liebe keine Tugend ist und dass dies eher von Freude und Frieden gesagt werden sollte.
Einwand 3: Ferner ist jede Tugend ein akzidenteller Habitus. Aber die Liebe ist kein akzidenteller Habitus, da sie etwas Vorzüglicheres ist als die Seele selbst: wohingegen kein Akzidens vorzüglicher ist als sein Subjekt. Also ist die Liebe keine Tugend.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Moribus Eccl. xi): „Die Liebe ist eine Tugend, die uns, wenn unsere Neigungen vollkommen geordnet sind, mit Gott vereint, denn durch sie lieben wir Ihn.“
Ich antworte darauf, Menschliche Handlungen sind gut, insofern sie durch ihre gebührende Regel und ihr Maß geregelt sind. Daher besteht die menschliche Tugend, die das Prinzip aller guten Handlungen des Menschen ist, im Befolgen der Regel der menschlichen Handlungen, welche zweifach ist, wie oben dargelegt (Frage [17], Artikel [1]), nämlich die menschliche Vernunft und Gott.
Folglich, so wie die moralische Tugend definiert wird als „in Übereinstimmung mit der rechten Vernunft“, wie in Ethic. ii, 6 dargelegt, so besteht auch das Wesen der Tugend darin, Gott zu erreichen, wie ebenfalls oben in Bezug auf den Glauben (Frage [4], Artikel [5]) und die Hoffnung (Frage [17], Artikel [1]) dargelegt wurde. Daher folgt, dass die Liebe eine Tugend ist, denn da die Liebe Gott erreicht, vereint sie uns mit Gott, wie durch die oben zitierte Autorität des Augustinus belegt wird.
Antwort auf Einwand 1: Der Philosoph (Ethic. viii) leugnet nicht, dass Freundschaft eine Tugend ist, sondern bekräftigt, dass sie „entweder eine Tugend oder mit einer Tugend verbunden“ ist. Denn wir könnten sagen, dass sie eine moralische Tugend bezüglich Werken ist, die in Bezug auf eine andere Person getan werden, aber unter einem anderen Aspekt als die Gerechtigkeit. Denn die Gerechtigkeit betrifft Werke, die in Bezug auf eine andere Person unter dem Aspekt des gesetzlich Geschuldeten getan werden, während die Freundschaft den Aspekt einer freundschaftlichen und moralischen Pflicht oder vielmehr den einer unentgeltlichen Gunst betrachtet, wie der Philosoph erklärt (Ethic. viii, 13). Dennoch kann zugegeben werden, dass sie keine von den anderen Tugenden an sich verschiedene Tugend ist. Denn ihre Lobwürdigkeit und Tugendhaftigkeit leiten sich lediglich von ihrem Objekt ab, insofern sie nämlich auf der moralischen Güte der Tugenden gründet. Dies ist offensichtlich aus der Tatsache, dass nicht jede Freundschaft lobenswert und tugendhaft ist, wie im Fall der Freundschaft, die auf Vergnügen oder Nutzen basiert. Daher ist die Freundschaft für die Tugendhaften eher etwas, das der Tugend folgt, als eine Tugend selbst. Überdies gibt es keinen Vergleich mit der Liebe, da diese nicht prinzipiell auf der Tugend eines Menschen gründet, sondern auf der Güte Gottes.
Antwort auf Einwand 2: Es gehört zur selben Tugend, einen Menschen zu lieben und sich über ihn zu freuen, da Freude aus Liebe resultiert, wie oben (FS, Frage [25], Artikel [2]) in der Abhandlung über die Leidenschaften dargelegt wurde: weshalb die Liebe eher als Tugend gerechnet wird als die Freude, die eine Wirkung der Liebe ist. Und wenn Tugend als etwas Äußerstes beschrieben wird, meinen wir, dass sie das Letzte ist, nicht in der Ordnung der Wirkung, sondern in der Ordnung des Übermaßes, so wie hundert Pfund sechzig übertreffen.
Antwort auf Einwand 3: Jedes Akzidens ist der Substanz unterlegen, wenn wir sein Sein betrachten, da die Substanz das Sein in sich selbst hat, während ein Akzidens sein Sein in einem anderen hat: aber betrachtet hinsichtlich seiner Spezies, ist ein Akzidens, das aus den Prinzipien seines Subjekts resultiert, seinem Subjekt unterlegen, so wie eine Wirkung ihrer Ursache unterlegen ist; wohingegen ein Akzidens, das aus einer Teilhabe an einer höheren Natur resultiert, seinem Subjekt überlegen ist, insofern es ein Abbild jener höheren Natur ist, so wie das Licht dem durchsichtigen Körper überlegen ist. Auf diese Weise ist die Liebe der Seele überlegen, insofern sie eine Teilhabe am Heiligen Geist ist.