II-II, q. 184 a. 2
Ob jemand in diesem Leben vollkommen sein kann?
Quaestio 184 · Vom Stand der Vollkommenheit im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass niemand in diesem Leben vollkommen sein kann. Denn der Apostel sagt (1 Kor 13,10): „Wenn aber das Vollkommene kommt, wird das Stückwerk weggetan werden.“ Nun wird in diesem Leben das Stückwerk nicht weggetan; denn in diesem Leben bleiben Glaube und Hoffnung, die Stückwerk sind. Also kann niemand in diesem Leben vollkommen sein.
Einwand 2: Ferner: „Vollkommen ist das, dem nichts fehlt“ (Phys. iii, 6). Nun gibt es niemanden in diesem Leben, dem nichts fehlt; denn es steht geschrieben (Jak 3,2): „In vielem fehlen wir alle“; und (Ps 138,16): „Deine Augen sahen mein unvollkommenes Wesen.“ Also ist niemand in diesem Leben vollkommen.
Einwand 3: Ferner bezieht sich die Vollkommenheit des christlichen Lebens, wie dargelegt (Artikel [1]), auf die Liebe, welche die Liebe zu Gott und zum Nächsten umfasst. Nun kann man in diesem Leben weder in Bezug auf die Liebe zu Gott vollkommene Liebe haben, da gemäß Gregor (Hom. xiv in Ezech.) „der Ofen der Liebe, der hier zu brennen beginnt, heftiger brennen wird, wenn wir Den sehen, Den wir lieben“; noch in Bezug auf die Liebe zum Nächsten, da wir in diesem Leben nicht alle unsere Nächsten aktuell lieben können, auch wenn wir sie habituell lieben; und die habituelle Liebe ist unvollkommen. Daher scheint es, dass niemand in diesem Leben vollkommen sein kann.
Dagegen spricht, dass das göttliche Gesetz nicht das Unmögliche vorschreibt. Doch schreibt es Vollkommenheit vor gemäß Mt 5,48: „Seid ... vollkommen, wie auch euer himmlischer Vater vollkommen ist.“ Daher scheint es, dass man in diesem Leben vollkommen sein kann.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), die Vollkommenheit des christlichen Lebens in der Liebe besteht. Nun impliziert Vollkommenheit eine gewisse Universalität, weil gemäß Phys. iii, 6 „das Vollkommene das ist, dem nichts fehlt“. Daher können wir eine dreifache Vollkommenheit betrachten. Eine ist absolut und entspricht einer Totalität nicht nur seitens des Liebenden, sondern auch seitens des geliebten Objekts, so dass Gott so sehr geliebt wird, wie Er liebenswert ist. Eine solche Vollkommenheit ist keinem Geschöpf möglich, sondern kommt Gott allein zu, in Dem das Gute gänzlich und wesenhaft ist.
Eine andere Vollkommenheit entspricht einer absoluten Totalität seitens des Liebenden, so dass das Begehrungsvermögen immer aktuell so sehr zu Gott strebt, wie es nur kann; und eine solche Vollkommenheit ist nicht möglich, solange wir auf dem Weg sind, sondern wir werden sie im Himmel haben.
Die dritte Vollkommenheit entspricht einer Totalität weder seitens des bedienten Objekts, noch seitens des Liebenden in Bezug auf sein immer aktuelles Streben zu Gott, sondern seitens des Liebenden in Bezug auf die Entfernung von Hindernissen für die Bewegung der Liebe zu Gott hin, in welchem Sinne Augustinus sagt (Quaest. LXXXIII, qu. 36), dass „fleischliche Begierde das Gift der Liebe ist; keine fleischlichen Begierden zu haben, ist die Vollkommenheit der Liebe.“ Eine solche Vollkommenheit kann in diesem Leben gehabt werden, und zwar auf zwei Arten. Erstens durch die Entfernung all dessen aus den Neigungen des Menschen, was der Liebe entgegengesetzt ist, wie die Todsünde; und ohne diese Vollkommenheit kann es keine Liebe geben, weshalb sie heilsnotwendig ist. Zweitens durch die Entfernung nicht nur dessen aus den Neigungen des Menschen, was der Liebe entgegengesetzt ist, sondern auch dessen, was die Neigungen des Geistes daran hindert, gänzlich zu Gott zu streben. Liebe ist ohne diese Vollkommenheit möglich, zum Beispiel bei denen, die Anfänger sind, und bei denen, die Fortgeschrittene sind.
Antwort auf Einwand 1: Der Apostel spricht dort von der himmlischen Vollkommenheit, die denen nicht möglich ist, die auf dem Weg sind.
Antwort auf Einwand 2: Diejenigen, die in diesem Leben vollkommen sind, „fehlen in vielem“ in Bezug auf lässliche Sünden, die aus der Schwäche des gegenwärtigen Lebens resultieren: und in dieser Hinsicht haben sie ein „unvollkommenes Wesen“ im Vergleich zur Vollkommenheit des Himmels.
Antwort auf Einwand 3: Wie die Bedingungen des gegenwärtigen Lebens es einem Menschen nicht erlauben, immer aktuell zu Gott zu streben, so erlauben sie ihm auch nicht, aktuell zu jedem einzelnen Nächsten zu streben; aber es genügt für ihn, zu allen gemeinsam und kollektiv zu streben, und zu jedem einzelnen habituell und gemäß der Bereitschaft seines Geistes. Nun können wir in der Liebe zum Nächsten, wie in der Liebe zu Gott, eine zweifache Vollkommenheit beobachten: eine, ohne die Liebe unmöglich ist, und die darin besteht, dass man in seinen Neigungen nichts hat, was der Liebe zum Nächsten entgegengesetzt ist; und eine andere, ohne die es möglich ist, Liebe zu haben. Die letztere Vollkommenheit kann auf drei Arten betrachtet werden. Erstens hinsichtlich der Ausdehnung der Liebe, indem ein Mensch nicht nur seine Freunde und Bekannten liebt, sondern auch Fremde und sogar seine Feinde, denn wie Augustinus sagt (Enchiridion lxxiii), ist dies ein Zeichen der vollkommenen Kinder Gottes. Zweitens hinsichtlich der Intensität der Liebe, die sich durch die Dinge zeigt, die der Mensch um seines Nächsten willen verachtet, indem er nicht nur äußere Güter um seines Nächsten willen verachtet, sondern auch körperliche Mühsale und sogar den Tod, gemäß Joh 15,13: „Eine größere Liebe hat niemand als die, dass einer sein Leben hingibt für seine Freunde.“ Drittens hinsichtlich der Wirkung der Liebe, so dass ein Mensch nicht nur zeitliche, sondern auch geistliche Güter und sogar sich selbst für seinen Nächsten hingibt, gemäß den Worten des Apostels (2 Kor 12,15): „Ich aber will sehr gerne Opfer bringen und selbst aufgeopfert werden für eure Seelen.“