II-II, q. 184 a. 1
Ob die Vollkommenheit des christlichen Lebens hauptsächlich in der Liebe besteht?
Quaestio 184 · Vom Stand der Vollkommenheit im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass die Vollkommenheit des christlichen Lebens nicht hauptsächlich in der Liebe besteht. Denn der Apostel sagt (1 Kor 14,20): „Seid Kinder an Bosheit, aber im Verstande seid vollkommen.“ Die Liebe aber betrifft nicht den Verstand, sondern die Neigungen. Also scheint es, dass die Vollkommenheit des christlichen Lebens nicht hauptsächlich in der Liebe besteht.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Eph 6,13): „Ergreift die Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tag widerstehen und in allem vollkommen bestehen könnt“; und der Text fährt fort (Eph 6,14.16), indem er von der Waffenrüstung Gottes spricht: „Steht also da, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit, und angetan mit dem Panzer der Gerechtigkeit ... vor allem aber ergreift den Schild des Glaubens.“ Daher besteht die Vollkommenheit des christlichen Lebens nicht nur in der Liebe, sondern auch in anderen Tugenden.
Einwand 3: Ferner werden Tugenden, wie andere Gewohnheiten, durch ihre Akte spezifiziert. Nun steht geschrieben (Jak 1,4), dass „die Geduld ein vollkommenes Werk hat“. Daher scheint der Stand der Vollkommenheit spezieller in der Geduld zu bestehen.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Kol 3,14): „Vor allem aber habt die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist“, weil sie gleichsam alle anderen Tugenden in vollkommener Einheit verbindet.
Ich antworte darauf, dass eine Sache insofern vollkommen genannt wird, als sie ihr eigentliches Ziel erreicht, was ihre letzte Vollkommenheit ist. Nun ist es die Liebe, die uns mit Gott vereint, welcher das letzte Ziel des menschlichen Geistes ist, da „wer in der Liebe bleibt, in Gott bleibt und Gott in ihm“ (1 Joh 4,16). Daher besteht die Vollkommenheit des christlichen Lebens radikal in der Liebe.
Antwort auf Einwand 1: Die Vollkommenheit des menschlichen Verstandes scheint hauptsächlich darin zu bestehen, dass er in der Einheit der Wahrheit übereinstimmt, gemäß 1 Kor 1,10: „Dass ihr vollkommen seid im selben Sinn [sensu] und in derselben Meinung.“ Dies nun wird durch die Liebe bewirkt, die in uns Menschen die Übereinstimmung wirkt. Daher besteht selbst die Vollkommenheit des Verstandes radikal in der Vollkommenheit der Liebe.
Antwort auf Einwand 2: Ein Mensch kann auf zwei Arten vollkommen genannt werden. Erstens schlechthin: Und diese Vollkommenheit betrifft das, was zur Natur einer Sache gehört; zum Beispiel kann ein Tier vollkommen genannt werden, wenn ihm nichts in der Anordnung seiner Glieder und in solchen Dingen fehlt, die für das Leben eines Tieres notwendig sind. Zweitens wird eine Sache in gewisser Hinsicht vollkommen genannt: Und diese Vollkommenheit betrifft etwas, das äußerlich mit der Sache verbunden ist, wie Weißsein oder Schwarzsein oder etwas dergleichen. Nun besteht das christliche Leben hauptsächlich in der Liebe, durch welche die Seele mit Gott vereint wird; weshalb geschrieben steht (1 Joh 3,14): „Wer nicht liebt, bleibt im Tod.“ Daher besteht die Vollkommenheit des christlichen Lebens schlechthin in der Liebe, in den anderen Tugenden aber nur in gewisser Hinsicht. Und da das, was schlechthin ist, vorrangig und am größten im Vergleich zu anderen Dingen ist, folgt daraus, dass die Vollkommenheit der Liebe vorrangig ist im Verhältnis zu der Vollkommenheit, welche die anderen Tugenden betrifft.
Antwort auf Einwand 3: Von der Geduld wird gesagt, dass sie ein vollkommenes Werk hat in Bezug auf die Liebe, insofern es eine Wirkung der Fülle der Liebe ist, dass ein Mensch Mühsale geduldig erträgt, gemäß Röm 8,35: „Wer ... wird uns scheiden von der Liebe Christi? Trübsal? Oder Angst?“ usw.