II-II, q. 17 a. 2
Ob die ewige Glückseligkeit der eigentliche Gegenstand der Hoffnung ist?
Quaestio 17 · Von der Hoffnung, in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die ewige Glückseligkeit nicht der eigentliche Gegenstand der Hoffnung ist. Denn ein Mensch hofft nicht auf das, was jede Regung der Seele übersteigt, da die Hoffnung selbst eine Regung der Seele ist. Nun übersteigt die ewige Glückseligkeit jede Regung der menschlichen Seele, denn der Apostel sagt (1 Kor 2,9), dass sie nicht „in das Herz des Menschen gedrungen“ ist. Deshalb ist die Glückseligkeit nicht der eigentliche Gegenstand der Hoffnung.
Einwand 2: Ferner ist das Gebet ein Ausdruck der Hoffnung, denn es steht geschrieben (Ps 36,5): „Befiehl dem Herrn deinen Weg und hoffe auf Ihn, und Er wird es tun.“ Nun ist es dem Menschen erlaubt, Gott nicht nur um die ewige Glückseligkeit zu bitten, sondern auch um die Güter, sowohl die zeitlichen als auch die geistlichen, des gegenwärtigen Lebens, und, wie durch das Gebet des Herrn bezeugt, um die Befreiung von Übeln, die in der ewigen Glückseligkeit nicht mehr sein werden. Deshalb ist die ewige Glückseligkeit nicht der eigentliche Gegenstand der Hoffnung.
Einwand 3: Ferner ist der Gegenstand der Hoffnung etwas Schwieriges. Nun sind viele Dinge außer der ewigen Glückseligkeit für den Menschen schwierig. Deshalb ist die ewige Glückseligkeit nicht der eigentliche Gegenstand der Hoffnung.
Dagegen spricht, dass der Apostel sagt (Hebr 6,19), wir hätten eine Hoffnung, „die hineingeht“, d. h. uns hineingehen lässt ... „bis hinter den Vorhang“, d. h. in die Glückseligkeit des Himmels, gemäß der Auslegung einer Glosse zu diesen Worten. Deshalb ist der Gegenstand der Hoffnung die ewige Glückseligkeit.
Ich antworte darauf, dass, wie oben dargelegt (Artikel [1]), die Hoffnung, von der wir jetzt sprechen, Gott erreicht, indem sie sich auf seine Hilfe stützt, um das erhoffte Gut zu erlangen. Nun muss eine Wirkung ihrer Ursache angemessen sein. Daher ist das Gut, das wir von Gott eigentlich und hauptsächlich erhoffen sollen, das unendliche Gut, welches der Macht unseres göttlichen Helfers angemessen ist, da es einer unendlichen Macht zukommt, jemanden zu einem unendlichen Gut zu führen. Ein solches Gut ist das ewige Leben, das im Genuss Gottes selbst besteht. Denn wir sollten von Ihm nichts Geringeres als Ihn selbst erhoffen, da seine Güte, durch die Er seinem Geschöpf Gutes mitteilt, nicht geringer ist als sein Wesen. Deshalb ist der eigentliche und hauptsächliche Gegenstand der Hoffnung die ewige Glückseligkeit.
Antwort auf Einwand 1: Die ewige Glückseligkeit dringt nicht vollkommen in das Herz des Menschen, d. h. so, dass es für einen Pilger möglich wäre, ihre Natur und Beschaffenheit zu erkennen; dennoch ist es möglich, dass sie unter dem allgemeinen Begriff des vollkommenen Guten von einem Menschen erfasst wird, und auf diese Weise entsteht die Regung der Hoffnung auf sie hin. Daher sagt der Apostel pointiert (Hebr 6,19), dass die Hoffnung „hineingeht, bis hinter den Vorhang“, weil das, worauf wir hoffen, sozusagen noch verhüllt ist.
Antwort auf Einwand 2: Wir sollen Gott um keine anderen Güter bitten, außer in Bezug auf die ewige Glückseligkeit. Daher betrachtet die Hoffnung hauptsächlich die ewige Glückseligkeit, und andere Dinge, um die wir Gott bitten, betrachtet sie sekundär und als auf die ewige Glückseligkeit hingeordnet: so wie der Glaube prinzipiell Gott betrachtet und sekundär jene Dinge, die auf Gott hingeordnet sind, wie oben dargelegt (Quaestio [1], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 3: Demjenigen, der nach etwas Großem verlangt, erscheinen alle geringeren Dinge klein; daher erscheint demjenigen, der auf die ewige Glückseligkeit hofft, nichts anderes mühsam im Vergleich zu dieser Hoffnung; obwohl im Vergleich zur Fähigkeit des hoffenden Menschen auch andere Dinge außer ihr für ihn mühsam sein können, sodass er Hoffnung auf solche Dinge in Bezug auf ihren Hauptgegenstand haben kann.