II-II, q. 17 a. 1
Ob die Hoffnung eine Tugend ist?
Quaestio 17 · Von der Hoffnung, in sich selbst betrachtet
Einwand 1: Es scheint, dass die Hoffnung keine Tugend ist. Denn „niemand macht von einer Tugend schlechten Gebrauch“, wie Augustinus feststellt (De Lib. Arb. ii, 18). Von der Hoffnung aber kann man schlechten Gebrauch machen, da die Leidenschaft der Hoffnung, wie die anderen Leidenschaften, einer Mitte und Extremen unterliegt. Deshalb ist die Hoffnung keine Tugend.
Einwand 2: Ferner entsteht keine Tugend aus Verdiensten, da „Gott die Tugend in uns ohne uns wirkt“, wie Augustinus sagt (De Grat. et Lib. Arb. xvii). Die Hoffnung aber wird durch Gnade und Verdienste verursacht, gemäß dem Magister (Sent. iii, D, 26). Deshalb ist die Hoffnung keine Tugend.
Einwand 3: Ferner ist die „Tugend die Disposition eines vollkommenen Dinges“ (Phys. vii, text. 17,18). Die Hoffnung aber ist die Disposition eines unvollkommenen Dinges, nämlich eines solchen, dem das fehlt, was es zu haben hofft. Deshalb ist die Hoffnung keine Tugend.
Dagegen spricht, dass Gregor sagt (Moral. i, 33), die drei Töchter Ijobs bezeichneten diese drei Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe. Deshalb ist die Hoffnung eine Tugend.
Ich antworte darauf, dass gemäß dem Philosophen (Ethic. ii, 6) „die Tugend eines Dinges das ist, was seinen Träger gut macht und ebenso sein Werk gut macht“. Folglich muss überall dort, wo sich ein guter menschlicher Akt findet, dieser einer menschlichen Tugend entsprechen. Nun ist in allen Dingen, die gemessen und geregelt werden, das Gute dasjenige, was seine eigene Regel erreicht: So sagen wir, dass ein Rock gut ist, wenn er sein eigenes Maß weder überschreitet noch unterschreitet. Wie wir aber oben dargelegt haben (Quaestio [8], Artikel [3], ad 3), haben menschliche Akte ein zweifaches Maß; eines ist das nächste und gleichartige, nämlich die Vernunft, während das andere das entfernte und überragende ist, nämlich Gott: Daher ist jeder menschliche Akt gut, der die Vernunft oder Gott selbst erreicht. Nun erreicht der Akt der Hoffnung, von dem wir jetzt sprechen, Gott. Denn wie wir bereits dargelegt haben (FS, Quaestio [40], Artikel [1]), als wir von der Leidenschaft der Hoffnung handelten, ist der Gegenstand der Hoffnung ein zukünftiges Gut, das schwierig, aber möglich zu erlangen ist. Nun ist uns ein Ding auf zweifache Weise möglich: erstens durch uns selbst; zweitens durch andere, wie in Ethic. iii dargelegt wird. Insofern wir also auf etwas hoffen als uns möglich durch den göttlichen Beistand, erreicht unsere Hoffnung Gott selbst, auf dessen Hilfe sie sich stützt. Es ist daher offensichtlich, dass die Hoffnung eine Tugend ist, da sie bewirkt, dass ein menschlicher Akt gut ist und seine gebührende Regel erreicht.
Antwort auf Einwand 1: In den Leidenschaften hängt die Mitte der Tugend davon ab, dass die rechte Vernunft erreicht wird, worin auch das Wesen der Tugend besteht. Daher hängt auch bei der Hoffnung das Gut der Tugend davon ab, dass der Mensch durch das Hoffen die gebührende Regel erreicht, nämlich Gott. Folglich kann der Mensch von der Hoffnung, die Gott erreicht, keinen schlechten Gebrauch machen, wie er auch von der moralischen Tugend, die die Vernunft erreicht, keinen schlechten Gebrauch machen kann, weil dieses Erreichen eben bedeutet, guten Gebrauch von der Tugend zu machen. Dennoch ist die Hoffnung, von der wir jetzt sprechen, keine Leidenschaft, sondern ein Habitus des Geistes, wie wir weiter unten zeigen werden (Artikel [5]; Quaestio [18], Artikel [1]).
Antwort auf Einwand 2: Von der Hoffnung wird gesagt, sie entspringe aus Verdiensten, in Bezug auf das erhoffte Ding, insofern wir hoffen, die Glückseligkeit mittels der Gnade und der Verdienste zu erlangen; oder in Bezug auf den Akt der lebendigen Hoffnung. Der Habitus der Hoffnung selbst jedoch, durch den wir hoffen, die Glückseligkeit zu erlangen, fließt nicht aus unseren Verdiensten, sondern allein aus der Gnade.
Antwort auf Einwand 3: Wer hofft, ist zwar unvollkommen in Bezug auf das, was er zu erlangen hofft, aber noch nicht hat; dennoch ist er vollkommen, insofern er bereits seine eigene Regel erreicht, nämlich Gott, auf dessen Hilfe er sich stützt.